Transparenz fuer die Waende eines Schlachthofes

Ein Bericht des Grauens

Dieser von mir aus gutem Grund blutrot geschriebene Bericht von Nicole Tschierse erschüttert zutiefst jedes menschliche Wesen, das nicht mit einem Herzen aus Stein ausgestattet ist - die Angst vor dem Tod, die  Furcht vor körperlichem und seelischem Leid bedrängt auch unsere Mitgeschöpfe.  Der wichtigste Grund, um sich zur vegetarisch/veganen Ernährung zu entschließen:

 

Wir können nicht alle retten

 

Ich höre diesen Ausspruch häufig: Man kann nicht alle retten. Wichtig dabei ist das unpersönliche „man“. Ebenso wichtig das unpersö...nliche „alle“. Meistens bedeutet dieser Satz, dass man vernünftig bleiben oder werden soll. Und vor allem, dass man vernünftig bleiben darf. Innerhalb der persönlichen Komfortzone einfach mal etwas ausblenden darf. Denn tatsächlich ist es ja auch unmöglich. Für einen Einzelnen genauso wie für eine große Gruppe.

 

Aber was ist, wenn man ganz vorne steht, ohne Möglichkeit, jemanden oder etwas vorzuschieben. Wenn man womöglich ganz persönlich und direkt betroffen ist, vielleicht mit zum Opfer wurde. Wenn aus „man“ „ich“ wird und „alle“ plötzlich ein (geliebtes) Gesicht hat? Verliert diese Weisheit dann nicht erheblich an Übersichtlichkeit? Der Ausspruch bekommt eine ganz andere Wertigkeit, wenn man verzweifelt alles gibt und schon vorher weiß, dass man nichts Akzeptables erreichen kann. Die Besten und Zähesten machen trotzdem weiter.
Danke dafür, ihr seid meine Helden, denn ich weiß, was ihr aushalten müsst.

 

Letzten Montag im Schlachthof ( Leider muss ich mir nicht die Mühe machen, mir irgendetwas auszudenken…)

 

Eine Gruppe junger Weiderinder, die einen innigen Herdenverband bilden, werden zur Schlachtung getrieben. Nachdem die Erste tot ist, fängt eine der Hinteren an, ohrenbetäubend
vor Verzweiflung zu schreien. Fast eine halbe Stunde lang. Pausenlos. Alles übertönend. Es frisst sich durch die Ohren in das Gehirn. Bis alle anwesenden Personen fast verrückt werden. Bis sie schließlich durch ihren eigenen Tod verstummt.

 

Später kommt ein 80-jähriger Jäger und bringt mir die Fleischprobe eines getöteten Wildschweins zur Trichinenuntersuchung. Er kann nur am Stock gehen und ich muss ihn anbrüllen, damit er mich einigermaßen versteht. So jemand darf bewaffnet durch die Natur laufen und rumballern?!
Ich rede anschließend mit einem der Mitarbeiter darüber, der mir folgende Geschichte aus seinem Dorf erzählt:
Nachdem ein alter Jäger im Ort Ponys mit Wildschweinen verwechselt und gleich drei (!) davon erschossen hatte, wurde im Dorf die Übereinkunft getroffen, bei Befragungen nichts darüber zu sagen, obwohl der Täter jedem bekannt war. Dem alten Mann sollte nicht auch noch der Jagdschein genommen werden zu seiner Schmach, sich zum Gespött gemacht zu haben (?!).
Passt auf, wo ihr und eure Kinder, eure Tiere und alle, die euch am Herzen liegen, spazieren geht…Sonst seid bald ihr selbst die, die leider nicht gerettet werden konnten.

 

Dann näherte sich der Höhepunkt des Tages in Form einer 14-jährigen Kuh, die von ihrem langjährigen Besitzer zur Schlachtung gebracht wurde. Aufmerksam werde ich auf beide, durch anhaltendes Geschrei und Geschepper aus dem Stall, was immer ein schlechtes Zeichen ist. Den Besitzer und seinen Hof kenne ich sogar, ich war schon dort. Er betreut einen Pferdepensionsstall und eine Rinderherde in schöner Offenstall- und Weidehaltung. Kuh und Bauer hatten über viele Jahre einen problemlosen Umgang miteinander gepflegt. Das hat soeben ein plötzliches Ende genommen. Die Kuh weigert sich aus der Wartebox in den Treibgang zu gehen und als ich dazu komme, ist der Besitzer gerade dabei, mit einer scharfkantigen Aluschaufel auf den Kopf des Tieres einzuschlagen, während die Kuh ihm Contra gibt und ihn ebenfalls anzugreifen versucht (mit Gitter dazwischen und ohne Hörner). Während sie mit ihm um ihr Leben kämpft, kämpft er mit ihr um seine Ehre vor den Schlachthofmitarbeitern.
Ich schreie ihn an, er solle SOFORT aufhören damit. Er sieht mich erstaunt an. Die Kuh ist nass geschwitzt und kotverschmiert. Und definitiv zu allem bereit. Sie steht mit gesenktem Kopf in seine Richtung und scharrt unablässig mit den Vorderbeinen. Wenn ich ihn jetzt über das Boxengitter werfen würde, würde sie ihre letzte Kraft darauf verwenden, ihn durch den Spaltenboden zu treten.
Mehrere Personen stehen um die Box, alle bewaffnet mit Stangen, Stöcken, Stallwerkzeugen oder Stromschocker. Jeder schlägt auf die Kuh ein, sobald sie in seine Reichweite gerät. Selbst wenn sie den Schlägen ausweichen würde, würde sie das nicht in die gewünschte Richtung dirigieren. Es herrscht das Prinzip Zufall und Hoffnung, jeder macht halt einfach mal irgendetwas, dann wird es schon irgendwann klappen.
Ich schreie alle an, die meisten hören auch sofort auf und trollen sich, bis auf einige Wenige, die mich noch nicht so lange kennen oder kaum Deutsch sprechen. Aber auch die begreifen kurze Zeit später. Es gibt an diesem Punkt allerdings immer einen Haken: Ich kann Brüllen und allen verbieten, mit dem weiterzumachen, was sie gerade tun. Damit ist das Problem aber noch nicht gelöst. Ich brauche eine bessere Idee als die anderen. Eine, die funktioniert…

 

Unter dem von mir ausgeübten Zwang fangen einige der Anwesenden an, nachzudenken und alternative Vorschläge zu bringen. Schließlich muss eine bessere Idee nicht zwangsläufig von mir, sondern notfalls lediglich durch mich kommen. Jetzt heißt es wieder schnell in Gedanken durchspielen was funktionieren könnte und was ihre Lage eher verschlimmern wird.

 

Der letzte Ochse, der noch nicht geschlachtet wurde und im Treibgang steht, wird zurück getrieben, in der Hoffnung, dass sie dem Herdentrieb nachgeben und mit ihm zusammen vorwärts laufen wird. Der Ochse bekommt mit einer Plastikplatte Schläge auf den Kopf damit er sich rückwärts bewegt. Er muss mindestens 10m zurücklegen. Das brave Tier tut wie ihm geheißen. Irgendwann läuft er von selber wieder vor, ohne dass etwas bewirkt wurde. Er wird ein zweites Mal zurück getrieben und mir ist bereits klar, dass ich mich auf seine Kosten verpokert habe, als ich dem Vorschlag zustimmte. Tatsächlich zeigt die Kuh keine Reaktion und zur Krönung fängt ein anderer Mitarbeiter an, ihn wieder vorwärts zu prügeln, weil er jetzt plötzlich im Weg steht. Die Kuh steht immer noch wutschnaubend und angriffslustig in der Box. Verzweifelt und zu allem bereit steht sie so stark unter Adrenalin, dass sie keine Schmerzen mehr wahrzunehmen scheint. Ein Mitarbeiter erwischt sie am Schwanz und verdreht ihn mit aller Kraft. Dieser Griff ist verboten, weil man den Tieren damit den Schwanz brechen kann und dementsprechend springen sie üblicher Weise nach vorne. Ich stoppe ihn mit der knappen Erklärung, dass er, egal wie oft er ihr den Schwanz so brechen möchte, er sie nicht zu der gewünschten Reaktion bringen wird. Nicht in diesem Zustand.

 

Der Besitzer will es nun mit einem Strick versuchen. Ein Halfter bekommt eher niemand mehr an ihren Kopf, aber es ist möglich, eine Schlinge um ihren Hals zu werfen. Vielleicht kann man sie rausziehen. Die Schlinge, die er knüpft, kann sich bei Zug zu ziehen. Und natürlich wirft sich die Kuh mit ihrem ganzen Gewicht dagegen. Ich sage ihm, dass das nicht in Frage kommt und er die Schlinge so verknoten muss, dass sie sich nicht zusammen ziehen kann. Er erklärt mir allen Ernstes, dass die Kuh jetzt soweit gebracht werden muss, dass sie in die Knie geht, damit sie gehorcht. Die kreative Bandbreite meiner möglichen Reaktionen wird zunehmend herausgefordert, ich beschränke mich aber auf die Antwort, dass hier keine Kühe bewusstlos gewürgt werden. Er macht einen Knoten, was problemlos klappt, und es wird eine Weile erfolglos an der Kuh gezogen, bis der Strick schließlich reißt.
Er schlägt vor, stattdessen einen neuen Strick an den Hornstummeln zu befestigen, die trotz Ausbrennen gewachsen sind. Aber sie hat sich bereits während des Transports einen Hornrest abgeschlagen und die Befestigung eines Strickes um den blutigen Stumpf lehne ich ebenfalls ab, was der Besitzer nun endgültig nicht verstehen kann. Er versichert mir, dass das gut funktionieren würde.
Ich beschließe, sie zu einem Angriff zu verführen, der sie aus der Box bringt und stelle mich direkt in die Boxentür. Ich ärger sie sogar ein bisschen mit einem Stock, weil sie nicht reagiert. Ich erkläre ihr, dass sie bitte zu mir kommen soll, egal in welcher Absicht, denn sonst wird alles immer nur noch schlimmer und ich kann leider nicht mehr für sie tun.
Sie ist nicht an mir interessiert, sieht mich nur an.
Einer der Metzger fühlt sich in seiner Männerehre angegriffen und versucht es an meiner Stelle. Die Kuh geht sofort auf in los, stoppt aber an der Boxentür, während der Lockvogel sich schnell in Sicherheit gebracht hat. Mehrere Versuche laufen gleich ab, bringen zwar bisher den besten Erfolg, aber die Kuh steht immer noch in der Box.

 

Die Gaffer im Stall nehmen zu und benehmen sich immer mehr wie Schmeißfliegen an einem Kothaufen. Immer wieder versucht sich irgendein Schlauberger einzumischen, indem er
von der anderen Seite mit etwas auf die Kuh einschlagen oder –stechen möchte. Manche stören auch nur mit nervigem „gut zureden“. Ich bin langsam nahe am Durchdrehen. Mein überschäumender Zorn bringt sie alle immer wieder auf Abstand.

 

Ein letztes weiteres Tier steht noch zur Schlachtung bereit. Ein winziges Zwerg-Zebu Rind, ebenfalls 14-Jahre alt, wartet draußen vor dem Stall in einem kleinen Gitterkäfig, der eigentlich als Waage dient. Sie trägt ein Gurthalfter und hätte einen Ausdruck von Anstand, Umgänglichkeit und Würde, wenn sie nicht verstört vor Angst wäre.
Sie soll jetzt zuerst vorgetrieben werden.
In dem Moment, als der Winzling vorbei geht, stürzt die andere Kuh hinterher in den Gang. Ob zum Angriff, aus Herdentrieb, oder weil sie die Kleine für ein Kalb hält, dass sie da nicht allein langgehen lassen will, bleibt ungeklärt.
Der Rest geht schnell.

 

Sie hat jetzt endlich ihren Frieden. Ich konnte ihr nicht helfen. Nicht einmal das winzige brave Zebu konnte ich retten.
Man kann eben nicht alle retten.
Wie zynisch dieser Ausspruch in meinen Ohren klingt. Wer traut sich, ihn den Opfern ins Gesicht zu sagen? Und doch muss ich zu so vielen sagen: „ Es tut mir so leid, aber ich kann nicht mehr für dich tun.“

 

Das Tierschutzgesetz verliert übrigens nicht in dem Moment seine Gültigkeit für betroffene Tiere, in dem sie sich den gestellten Forderungen widersetzen. Das muss nicht nur manchem Metzger immer wieder in Erinnerung gerufen werden, sondern auch vielen Tierbesitzern und manchen Ausbildern.

 

So gesehen, widerspricht das Halten und Schlachten sog. "Nutztiere" vollkommen dem Tierschutzgesetz; denn der Verzehr von Tieren stellt keinen vernünftigen Grund dar,  um atmenden und empfindenden Wesen diese Grausamkeiten zuzumuten. Fleischlose Ernährung ist für den Menschen gesünder und verlängert sein Leben und trägt Wesentliches zum Schutz des Klimas bei.