Was macht mein Kind, was macht mein Reh,Tl. 2

Reh im Getreide - Pixabay
Reh im Getreide - Pixabay

Rehe, die geborenen „Makrosmatiker“ sind in der Lage, dadurch, dass ein hoher Anteil der Nasenschleimhaut mit „Riechepithel“ überzogen ist (90 cm² mit 320 Millionen Riechzellen), bereits geringste Duftreize zu registrieren, sie erkennen daher Menschen (und andere Wildtiere) bereits auf 300 bis 400 m Entfernung an ihrem Geruch. Ohne eine Kopfbewegung können Rehe – bedingt durch die seitlich stehenden Augen – einen weiten Umkreis überblicken, reagieren aber eher auf Bewegungen, unbewegte Gegenstände bzw. Personen oder Tiere können sie nur schwerlich erkennen, infolgedessen sie sich das Erkennen durch besondere Verfahrensweisen erleichtern: Häufiges Heben und Senken des Kopfes, Anstarren der Störung, gelegentlich langsame Bewegungen mit vorgestrecktem Kopf dabei Aufstampfen auf den Boden oder Annäherung im Stechschritt, alles gehört zur sog. „Sicherung“, oft mit nachfolgender Flucht.

Der Gehörsinn scheint sich an Gewohnheiten zu orientieren, lauter Lärm und Getöse, die zum Alltag des Wildtiers in seiner Umgebung gehören – z.B. Autobahn, Sägewerk, Schießplatz – erschrecken es nicht, während das Knacken eines Zweigs zur wilden Flucht veranlassen kann.

Ricke und Kitz verständigen sich mit einem Fiepen, eine Lautäußerung, dem Bellen sehr ähnlich, signalisiert Gefahr und dem Angreifer, dass er entdeckt wurde oder seinen Artgenossen, wo es zu finden ist.  

Reh im Nebel Pixabay
Reh im Nebel Pixabay

Mit drei verschiedenen Gangarten bewegt sich das Reh durch sein Habitat: Schritt – Setzen der Läufe hinten links, vorne links – hinten rechts, vorne rechts, Schrittlänge 35-45 cm. Trab (verhältnismäßig selten, nur über kurze Distanzen) – schnellere Gangart – diagonales Setzen der Läufe, z.B. linker Vorder- und rechter Hinterlauf, rechter Vorder- und linker Hinterlauf. Galopp (schnellste Gangart) - einzelne Sprünge, bei denen beide Vorderläufe und beide Hinterläufe gleichzeitig auf den Boden gesetzt werden, Abstoß vom Boden unter Mitwirkung der Rückenmuskulatur mit Strecken der Hinterläufe, Sprungweite bis zu vier Metern. Rehe sind nicht in der Lage, diese „Gangart“ über längere Zeit durchzuhalten, ihre Herz-Lungen-Leistung reicht für diese Kraftanstrengung auf Dauer nicht aus! Sie sind hingegen ausdauernde Schwimmer, die über mehrere Kilometer Gewässer durchqueren können.

Es ist bekannt, dass es bei Rehböcken ganzjährig zu kämpferischen Auseinandersetzungen kommen kann (selten sogar mit tödlichem Ausgang), aber die eigentliche Brunft findet etwa von Anfang Juli bis Mitte August statt, nach milden Wintern früher beginnend, als nach langen kalten. Die Brunftzeit der weiblichen Tiere ist relativ kurz und dauert in der Regel nur vier Tage.

 

 

Pixabay
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Im Gegensatz zu anderen Hirscharten kommt es bei Rehen zur Keimruhe, d.h. das befruchtete Ei entwickelt sich erst ab Dezember mit der Geburt der Jungtiere vorwiegend im Mai bis Juni des folgenden Jahres bei einer Gesamttragzeit von 290 Tagen, d. h. 9,5 Monaten. In späten Frühjahren (also nach langen Wintern) setzen die Rehe auch später, was die Einzigartigkeit der Keimruhe bei diesen Huftieren unter Beweis stellt. Man vermutet, dass Rehe äsungsabhängig ihre Setzzeit steuern können, dann, wenn das Äsungsangebot am hochwertigsten ist. Auch den Geburtsplatz sucht die Ricke sorgfältig aus, meist eine wenig bewachsene Stelle in der Nähe gut verbergenden Dickichts. In Heugraswiesen wälzen die Ricken eine etwa 2 qm große Fläche zur Vorbereitung des Setzplatzes nieder, während des Geburtsvorganges, der etwa vier bis 5 Stunden dauert (eine sehr lange Geburtszeit im Verhältnis zu anderen Huftieren; sie richtet sich zudem nach der Anzahl der Jungen), liegt die Ricke auf der Seite, selten steht sie mit gegrätschten Beinen. Es versucht sich unmittelbar nach der Geburt aus der Embryonalhülle zu befreien, das neugeborene kleine Reh und gibt nach drei bis 10 Minuten leise, hohe Kontaktlaute ab, worauf das Muttertier es durch Lecken versucht zu säubern, auch alle anderen Spuren der Geburt beseitigt die Mutter, wodurch die Witterungsspuren vom Geburtsvorgang verschwinden. Erste Stehversuche des Neugeborenen bereits nach 6 bis 20 Minuten, gewöhnlich kann es nach etwa einer bis eineinhalb Stunden stehen, nach drei Stunden kann es gehen, nach 2 Tagen kann es die Läufe in vollem Umfang koordinieren, allerdings kann es erst nach drei bis vier Tagen galoppieren. In den beiden ersten Lebensstunden ist das Sehvermögen des kleinen Kitz allerdings noch schlecht, es orientiert sich während dieser Zeit nur nach dem Gehör. 

Kitz c) Wikipedia
Kitz c) Wikipedia

In den nächsten 3 bis 4 Wochen bleibt das Kitz in der Deckung zurück, während die Mutter äst und zum Säugen zurückkehrt. Erstaunlich, das Kitz trifft die Wahl seines Liegeplatzes selbst und wird nur dadurch durch die Mutter beinflusst, dass sie einen Geburtsort auswählt, der reichlich Unterwuchs und einen guten Sichtschutz von oben bietet. Das Abliegen, eine Instinkthandlung, ist sowohl für die Mutter als auch für das Kitz energetisch sinnvoll (obwohl 3 Tage alte Kitze schon der Mutter auf längere Strecken folgen könnten) - Ein ruhendes Kitz wächst schneller, die Mutter ist weniger nervös und muss nicht ständig sichern. Die Liegeplätze wechseln täglich, meistens 100 bis 200 m vom vorigen entfernt. Wird ein Jungtier lange nicht gesäugt, stößt es leise Fiii-Laute aus, die immer drängender werden. Ein heller, schriller Fieplaut ist der Alarmruf bzw. Angstschrei des Kitzes, der das Herbeieilen der Mutter auslöst, die ihr Kitz mit Schlägen der Vorderhufe gegen Fressfeinde oder auch Menschen verteidigt. Kitze verharren auf Störungen (Lärm, fremde Gerüche) flach mit angewickelten Läufen und gestrecktem Hals an den Boden gepresst oder manches Mal auch auf der Seite liegend mit äußerst flacher, kaum bemerkbarer Atmung, die sie auf den ersten Blick wie tot aussehen lassen. Erst im Alter von drei bis vier Wochen setzt ein Fluchtverhalten ein, z.B. vor landwirtschaftlichen Geräten, danach lösen nur noch sehr hohe Feindreize den Reflex des Sich-an-den-Bodendrückens aus. Überraschend: Bis in die dritte Woche nach der Geburt nehmen Ricken fremde Kitze an, die dem Alter der eigenen Nachkommenschaft entsprechen, umgekehrt kommt es vor, dass sich bis zu 3 Wochen alte Kitze einer fremden Ricke anschließen (wenn z.B. die Geburtsplätze nicht weit voneinander entfernt sind; denn in den ersten Lebenswochen spielt der individuelle Geruch der Jungtiere keine Rolle, es ist der typische Kitz-Geruch nach saurer Milch und Harn; die Milch gelangt auf das Kitz-Fell nach dem Trinken und anschließendem Belecken zur Säuberung und Harn infolge des Harnens junger Kitze im Liegen. Zwischen der dritten und fünften Woche endet die unumkehrbare Prägungsphase zwischen Kitz und Muttertier, ein sehr langer und später Prägungsprozess im Vergleich zu anderem „Schalenwild

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Bevorzugt im Windschatten ihrer Mutter, möglichst nah bei ihr, beginnen die Kitze ab einem Alter von vier Wochen die Mutter zu begleiten und pflegen auch gleichzeitig den Kontakt mit gleichaltrigen Geschwistern (bei Mehrlingsgeburten). Nun vergrößert sich der Aktionsradius von Muttertier und Kitz, während die Äspflanzen in diesem Zeitraum verholzen, eiweißärmer und schwerer verdaulich werden. Jetzt erlaubt die Ricke täglich nur noch ein zweimaliges Säugen, ab der dritten Woche nimmt das Kitz schon Grünfutter zu sich, in der 10. Lebenswoche stellen die Kitze endgültig das Saugen ein. Während der Säugezeit nehmen die Kitze täglich zwischen 74 bis 207 Gramm zu (abhängig von der Milchleistung des Muttertieres – resp. Bei Mehrlingsgeburten - und den Wetterbedingungen; feuchtkaltes Wetter verhindert Gewichtszunahmen). Nach der Umstellung auf Grünfutter reduziert sich die tägliche Gewichtszunahme auf 55 Gramm. Ende November haben die Jungtiere ihr endgültiges Gewicht erreicht, das den Ausschlag für das Überleben in harten Wintertagen gibt – ein Gewicht unter 12,5 kg gibt keine Garantie für ein Überleben auch in milden Wintern. 

Rehmutter mit Gesäuge - Pixabay
Rehmutter mit Gesäuge - Pixabay

Die Schule des Lebens erlernen die jungen Tiere ab der vierten Lebenswoche bis zum 6. Monat, in spielerischen Auseinandersetzungen die meisten Elemente des Brunft-, Kampf- und Markierungsverhaltens mit gleichaltrigen Artgenossen, auch Imponier- und Demutsverhalten. Drohgebärden werden ab dem fünften Monat z.B. mit Scharrbewegungen der Vorderläufe eingeleitet, sind aber noch nicht als Verhaltenssequenzen wie die der adulten (erwachsenen)Tiere zu werten. Der Zerfall der Mutterfamilien fällt zwischen Mitte März und Mitte Mai des nächstens Jahres, das Muttertier fordert seinen vorjährigen Nachwuchs nun nicht mehr auf, ihm zu folgen, sondern zeigt eher ein fast aggressives Verhalten in einer Art Aufforderung zur Selbsändigkeit des älteren Nachwuchses, die Jung-Böcke folgen eher dieser Aufforderung als Jung-Ricken, die Abwanderung erfolgt aber grundsätzlich in einer Zeit, in der die Natur über ein reichliches Äsungsangebot verfügt. Das Übersommerungshabitat finden die Jungtiere in der Regel nicht weiter als fünf Kilometer von ihrem Geburtsort entfernt, die einjährigen Rehböcke wandern tendenziell allerdings weiter als die Jung-Ricken. Bis zum zweiten bis dritten Lebensjahr ist die weitere Gewichtsentwicklung bei weiblichen Tieren abgeschlossen, bei männlichen Tieren im dritten Lebensjahr.

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Fragen und Antworten:

 

Wie alt können Rehe werden: Die älteste Ricke in Europa war 20 Jahre geworden, der älteste Rehbock 17,5 Jahre. Rehe sterben oft an der Abnutzung ihres Gebisses, wenn sie die Nahrung nicht mehr kauen können. Durchschnittlich erreichen sie oft aber nur ein Alter von zwei bis drei Jahren. Zwar wird aus Jagdkreisen behauptet, dass der Tod „nur“ zu 40 % durch Jagden verursacht wird, angesichts aber der Zahl von 5 Millionen in Deutschland durch Jagd getöteten Wildtieren fällt diese Angabe in den Bereich des Jägerlateins. Durch Jagden kann man keine Wildtiere reduzieren, im Gegenteil: Es ist allgemein bekannt, dass die Natur versucht, den Verlust auszugleichen, das Wild vermehrt sich um so mehr, je mehr getötet werden, das beweist die deutsche, mit Abstand höchste Jagdstrecke Europas, die noch 2011/2012 mit 1.105.983 getöteten Tieren zu Buche schlug, fünf Jahre später zeigt sich ein frappierender Wildtier-Zuwachs (inclusive Wildschweinen).

 

Wie kann man eine Ricke und eine Hirschkuh (die nicht über das Unterscheidungsmerkmal „Geweih“ verfügen) unterscheiden:

Rehe verfügen nicht über einen Wedel am Hinterteil wie Hirsche.

 

Was ist es also, was Jäger dazu treibt, diese sanftmütigen Wesen mit dem „Blick eines jungen Mädchens“ zu erlegen?

Es ist wohl der Versuch, sich das „untertan“ zu machen, was sie bei sich selbst wohl schmerzlich vermissen: Das Feine, Verletzliche, das Scheue, das „im Wald wohnt“ - also im eigenen Unterbewusstsein, der Jäger (Mörder) tritt hervor in seiner negativsten Gestalt und bemächtigt sich -

indem er das Feine, Verletzliche, Anmutige abschießt – gewaltsam dessen, was er eigentlich bei sich selbst zu entwickeln hätte. Als Krafttier voller Sanftmut und Freundlichkeit hilft das Reh in Gestalt der keltischen Schutzpatronin Rhyanna Menschen, die sich im Wald verirrten, wieder auf den rechten Weg. Es verkörpert Schönheit, Anmut und Liebe, weshalb es oft als Sinnbild für ein junges Mädchen oder einen jungen Mann stand.. 

 

Ein Reh ist uns begegnet, es blickt uns an, als wollte es uns etwas mitteilen:

Was uns das „Krafttier“ Reh mitteilt:

Es möchte uns das Herz öffnen, damit wir Gefühle wie Freundschaft und Liebe zulassen und entwickeln können. Wir sollten uns nicht mehr als Opfer sehen, sondern durch Mut unsere Unsicherheiten und Ängste besiegen. Es ist eine Warnung, wenn Unheil droht, damit man sich rechtzeitig in Sicherheit bringen kann. 

 

Wenn das Krafttier Reh zu uns kommt, werden unsere Wachsamkeit und unsere Sensitivität gestärkt, die es uns ermöglichen, achtsam und mit Bedacht auch schwierige Situationen zu meistern.


Die keltische Schutzgöttin Rhyanna/Rhiannon
Die keltische Schutzgöttin Rhyanna/Rhiannon