Was macht mein Kind, was macht mein Reh? Tl.1

Foto-Painting -Pixabay
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Wer kennt sie nicht, die Worte der toten Königin aus dem Grimm'schen Märchen „Brüderchen und Schwesterchen. Das Brüderchen, das seinen Durst an einem von der bösen Stiefmutter verwünschten Brunnen stillte, war in ein Reh verwandelt worden, einem der zartgliedrigsten Geschöpfe aus der Tiefe unserer Wälder, den passendsten Sinnbildern der Zone des Jenseitigen.

 

Was ist es, was uns immer wieder an diesen Waldtieren fasziniert? Ist es so, wie es eine Schriftstellerin sieht „Ein Reh hat die Augen eines 16-jährigen Mädchens“ oder muss man noch tiefer sehen, am ehesten in die eigene Seele; denn in der Mythologie sind Reh und Hirsch Tiere der Frau Holle, sie verleiten die Märchenhelden oft dazu, unbekannte Wege zu gehen – in die Tiefe des Waldes bzw. des Jenseitigen, zur eigenen Tiefe. In der nordischen Mythologie der Wikinger weiden den Ästen des Weltenbaumes Yggdrasil vier Rehe namens Dain, Dwalin, Dunneir und Durathro und laben sich an den Knospen (manche Literaturen sprechen von Hirschen, im Fall der Rehe eben von Trughirschen).

 

Biologisch gesehen, gehören das Europäische Reh (capreolus capreolus) zur kleinsten Art der Hirsche, speziell zu den Trughirschen, und eher mit Elch, Ren und Weißwedelhirsch verwandt als mit dem mitteleuropäischen Rothirsch. Mit einer Körperlänge von 93 bis 110 cm und einer Schulterhöhe von 54 bis 84 cm wiegt es – je nach dem Ernährungszustand - zwischen 11 bis 34 kg (mit einem Nord-Süd-Gefälle), dabei gibt es keinen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Tieren, aber einzig und allein das männliche Tier, der Rehbock, trägt ein Geweih bzw. ein Gehörn (auch „Krickl“ genannt) mit einer mit einer durchschnittlichen Länge von 15-20 cm und gehört damit zu den „Stirnwaffenträgern“.

c) Wikipedia
c) Wikipedia

Erfolgreich hat das scheue Flucht- und Angsttier sich – durch die Jagd von seinem ursprünglichen Lebensraum, Waldzonenränder und -lichtungen weitgehend vertrieben – eine Reihe anderer Habitate erschlossen, angefangen vom Dickicht bis zur offenen, fast deckungslosen Agrarsteppe, am liebsten dort, wo den Wiederkäuern und sog. Konzentratsselektierern das bevorzugte eiweißreiche Futter zur Verfügung steht, wie z.B. Efeu, gemeiner Hohlzahn, Besenheide, Heidelbeeren, gemeiner Liguster, Raps, Brombeerblätter, Walderdbeeren – je nach dem Angebot der Natur und dem Geschmack der Tiere, dabei belehrt die Ricke die Kitze. Man hat es schon erlebt, dass eine Rehmutter ihr Kitz davor warnte, ein Kraut zu äsen, das sie selbst (noch) nicht kannte.

 

 

Im Großen und Ganzen sind bei diesen Wiederkäuern (mit sehr kleinem Pansen, deshalb wird der Tag mit Äsen und abwechselnden Verdauungs-Ruhephasen verbracht) - über das Jahr gesehen - sind fünf Äsungsperioden festzustellen:

 

Gräser und Knospen von Mitte März bis Ende April

 

  • Laubtriebe und einkeimblättrige Kräuter von Anfang Mai bis Ende Juni

  • Zweikeimblättrige Kräuter und Laubtriebe von Mitte Juni bis Mitte Oktober. In dieser Zeit ist die Zahl der als Äsungspflanzen generell in Frage kommenden Arten am größten und umfasst rund 134 verschiedene Arten.

  • Schachtelhalme, Farne und Bärlappgewächse sowie Knospen und Brombeeren von Mitte Oktober bis Mitte Dezember

  • Gräser, Knospen und Brombeeren von Anfang Januar bis Mitte März.

Einzeln oder in kleinen Gruppen (meistens Muttertier und Kitze) leben sie während des Sommerhalbjahres, im Herbst vereinigen sie sich zu größeren Gruppen, Sprünge genannt, in der Regel mehr als 3 bis 4 Tiere, in der offenen Agrarlandschaft sogar bis zu 20 Mitgeschöpfen.

Pixabay
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Anders als der Rothirsch, der – dem sog. „Läufertypus“ angehörend – bei Beunruhigung sich in ausdauerndem Lauf von der „Gefahrenstelle“ entfernt, suchen Rehe (sog. „Schlüpfertyp“) mit wenigen schnellen Sprüngen Schutz im Dickicht. Dazu hat Mutter Natur den Körper des Rehs durch seine keilförmige Form vollkommen seinen Bedürfnissen angepasst; denn er ist hervorragend zum lautlosen Durchwinden üppiger Vegetationen geeignet. Die leicht nach vorne gekrümmte, etwas abfallende Wirbelsäule (Kruppe liegt etwas höher als der Widerrist), die im Verhältnis zum Rumpf zierlichen, langen Hinterläufe (im Sprunggelenk stark eingeknickt) bewirken ein Übriges.  

c) E. Gelzleichter
c) E. Gelzleichter

Der im Verhältnis zum Körper kurze, fast dreieckige Kopf, die lang-ovalen, dunkel geränderten zugespitzten Ohren, der schlanke lange Hals, die schönen schwarzbraunen Augen mit der quer gestellten Pupille erzeugen das Bild eines scheuen, faszinierenden Wildtieres, dessen Schönheit und Zurückhaltung bei plötzlichen Begegnungen den Betrachter gefangen nimmt. - Es ist gleichsam so, als ob es seiner schreckhaften, scheuen Art eine Seite in uns verkörpert, die sich eher zurückzieht, alles Laute scheut und auch sehr verletzbar ist. Auf diese Weise ist das Reh in erster Linie als Symbol unserer Instinktkräfte zu sehen, seine fehlende Aggressivität weist auf eine Seite in uns hin, die besonders fein, zart, empfindsam und anmutig eines besonderen Schutzes bedarf. -

Bei dem Haarkleid bilden Grannen- und Leithaare die Decke, darunter liegen die stark gekräuselten Wollhaare. Es glänzt das Haarkleid im Sommer auf der Körperoberseite und den Außenseite, in individuellen Variationen der Färbung von braunrot bis fahlgelb mit einer helleren Unterseite des Körpers und Innenseite der Schenkel. Auch das Hinterteil der Tiere, Spiegel genannt, hebt sich mit seiner gelblich-weißen Farbe stark vom übrigen Fell ab, die männlichen Tiere haben zusätzlich am Kinn und jeder Seite der Oberlippe einen kleinen weißen Fleck und auch oberhalb der Nasenpartie ist häufig ein weißer Fleck ausgebildet. Im September bis Oktober verläuft der Wechsel vom Sommer- zum Winterkleid lange unauffällig: Die braunroten Sommerhaare verdecken optisch lange das wachsende graue Winterhaar, für den Beobachter aber ist bei gesunden Rehen der Wechsel innerhalb einer Woche abgeschlossen, in variierender Farbe von einem Dunkel- bis zum Hellgrau, mit hohlen Haaren, die der besseren Isolierung durch Lufteinschluss dienen. Der Wechsel vom Winter- zum Sommerkleid geschieht im Zeitraum zwischen März und April, zuerst am Kopf sichtbar und dann auf dem Widerrist. Das rotbraune Fell der Rehkitze zeigt weiße Flecken auf dem Rücken und an den Flanken, die in einem Alter von einem Monat allmählich verblassen und dann verschwinden infolge des Überwachsens mit dem roten Sommerfell; unter diesen langen roten Haaren sind aber immer noch die braunen und weißen Kitzhaare bis zum Wechsel des Winterfelles erkennbar.

Foto c) Lukas Marty Schweiz
Foto c) Lukas Marty Schweiz

Auch unter den Rehen gibt es Farbanomalien von rein-weiß (albinoitisch) mit roten Augen bis zum Teil-Albinoismus – gescheckte Rehe mit unterschiedlich großen weißen Flecken an verschiedenen Körperteilen. In der Literatur wird zudem von gelblich bzw. silberfarben gefärbten Fellkleidern beim Fehlen verschiedener Farbpigmente berichtet. In alten Zeiten sah man in diesen auffälligen Tieren die Begleiter von Göttern, z.B. der römischen Diana oder der Frau Holle/Hulda. Schwarze Rehe (bei ihnen unterdrückt das schwarze Farbpigment die Rotfärbung) sollen bereits im Tiefland von Mitteldeutschland um 990 in der Umgebung von Haste (heute Landkreis Schaumburg, Niedersachsen) gesichtet worden sein.

Diana von Versailles mit ihrem weißen Reh (c) Wikipedia
Diana von Versailles mit ihrem weißen Reh (c) Wikipedia

Dass nur die männlichen Tiere – Rehböcke – ein Geweih bzw. Gehörn tragen, versteht sich von selbst. Die wichtigste biologische Funktion dieses Gehörns liegt im Festlegen und Verteidigen der Rangordnung. So entwickeln sich bereits bei drei Monate alten Rehbockkitzen mit Beginn der Produktion des männlichen Geschlechtshormons Testosteron auf den Stirnbeinen Fortsätze, die „Rosenstöcke“ genannt werden. Ohne Ernährungsmängel der männlichen Kitze erreichen diese Stirnzapfen im September/Oktober eine Länge von 30 mm und einen Durchmesser von 10 mm.

 

Die Kolbenenden des Geweihs sind bis zum Fegen der Basthaut mit Duftdrüsen versehen, die ein Sekret produzieren, das die Reh-Böckchen in der Vegetation abstreifen. Bei der Entwicklung des Geweihs, einer Überschussproduktion des Körpers, spielt nicht nur das Alter, sondern auch die Ernährung eine Rolle, erst mit Abschluss der körperlichen Entwicklung des Rehbocks kann auch die Geweih-Entwicklung ihren Abschluss erreicht haben, danach stirbt die Basthaut ab, die vom Bock mit dem sog. Fegen – dem Abstreifen an Büschen und jungen Bäumen – von der Knochenasse entfernt wird, die sich optisch weiß mit rötlichen Blut-Anhaftungen darbietet. Natürlich dringen während des „Fegens“ Pflanzen- und Rindensäfte in die Poren der Geweihstangen ein, die sich naturgemäß sich je nach Art von Pflanzen und Bäumen einfärben (z.B. dunkel durch Nadelhölzer oder Erlen, hell bei den „Feld-Rehen“, denen wenig Bäume zur Verfügung stehen).

Rehbock Bruchtorf c) Wikipedia
Rehbock Bruchtorf c) Wikipedia