Ungeliebte Stadttauben

Zwischen Symbolik kultur-intimer Gefühlsbereiche und der naturfernen Realität menschlichen Seins

Schon in der Schöpfungsgeschichte schwebte sie als „Geist Gottes über den Wassern“, der ebenfalls bei der Taufe des Jesus von Nazareth „wie eine Taube“ auf ihn herab kam, in der Symbolik repräsentiert sie das Logos-Prinzip, den Gesamtbereich des Geistigen, des Bewusstseins, des Erkennens und Verstehens, auch Struktur und Gesetz, die höchste Einsicht menschlicher Erfahrung, kurzum „Erleuchtung“ genannt – alles ist in ihr impliziert, der Taube, dem Symbol des „Heiligen Geistes“, einfach in dem hebräischen Wort „ruah“ ausgedrückt – Atem Gottes.

 

So ist es fast eine Selbstverständlichkeit, dass im Johannes-Evangelium Jesus (der Christus = Retter) mit dem Logos gleichgesetzt wird (Joh. 1-3,14), der in der Übersetzung des griechischen Textes in diesem Zusammenhang mit „Wort“ beschrieben wird: „ Im Anfang war das Wort...“ ..“und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“.   

Es war eine Taube, die Noah den Zweig des Ölbaumes brachte, die gute Nachricht des Friedens und der Rettung, dass die Wasser der Sintflut gefallen waren.

 

Tiefenpsychologisch gesehen, symbolisiert die Taube die höhere Liebe, Friedfertigkeit, Sanftmut, Zärtlichkeit, Poesie und Treue.  

Rom St. Peter Basilika , Hl. Geist
Rom St. Peter Basilika , Hl. Geist

Um so verwunderlicher ist es, dass die moderne natur- und gottesferne Menschheit, dem Vogel, der manche Städte in großen Schwärmen besiedelt, mit Feindseligkeit nachstellt als sei er der Beelzebub persönlich, während über den berühmtesten Altären Europas in Silber und Gold ihr Bildnis prangt als lebenspendender Geist Gottes.

Die Tauben in unseren Städten, Straßentauben genannt, entstammen meistens verwilderten Brief- und Felsentauben (Columba livia) mit vielfarbigen, variablen Gefiedervariationen, inclusive gelegentlicher schwarz-weißer Farbmorphie. Kleiner (31-13 cm) als die Ringeltaube, denen sie oft im schillernden Blau-Grau ähnlich sehen (in weiteren Farben, einheitlichem Grau und Braun, oft auch ein Rot-Braun), zeichnen sie sich u.a. durch einen kürzeren Schwanz wie die Wildformen (Ringeltaube, Türkentaube) aus mit roter oder brauner Iris.  

Ihr fröhliches Gurren ertönt in allen Städten der Erde mit Ballungsgebieten in den Stadtzentren, wo zu Hauf' die Taubenfütterer ihr gut gemeintes, aber schlecht durchdachtes Werk verrichten. Ein Überangebot an Nahrung führt zu Überpopulation, zu verdreckten Straßen, Häusern, Dächern und zum Hass auf die harmlosen Friedenssymbole mit Vergiftungen und elendem Verenden dieser armen Lebewesen im Gefolge. Culpa hominis – menschliche Schuld von Anbeginn.

 

Besser beraten (auch aus Tierschutz-Perspektive) sind Städte, in denen ein Fütterungsverbot angeordnet wurde (mit Anlocken der Tauben durch gelegentliche Fütterung an den Taubenschlag der Stadt und dadurch der Möglichkeit, die Gelege durch Gipseier auszutauschen). Dort, wo von den Tauben mehr Eigenleistung gefordert wird, ziehen sie sich in die Perpherie der Städte zurück und finden Nahrung in der freien Natur in Form verschiedener junger Pflanzensprossen, Samen von Kultur- und Wildpflanzen, aber auch Schnecken, Würmer, Insekten und gelegentlich auch Steinchen als Verdauungshilfe des Magens, ihre Siedlungsdichte verringert sich kontinuierlich in diesen Bereichen.  

Stadttauben c) Wikipedia
Stadttauben c) Wikipedia

Schon im Alter von 5 Monaten können sich weibliche Tauben paaren und beginnen ihre erste Brut bereits mit 6 Monaten, aber der größte Teil der Stadttauben brütet erst im zweiten Kalenderjahr, die Paare leben zumeist in lebenslanger Monogamie, halten sich das ganze Jahr in ihrem Brutgebiet auf, die Männchen besetzen zunächst ein Nestrevier, in dem sich auch mehrere Nistplätze befinden können, die lebenslang behalten werden. Rufend lockt er das Weibchen zum Nistplatz auf Simsen, im Inneren von Höhlen, Löchern in Felswänden oder auch an Gebäuden. Beide Geschlechter bauen das Nest, das Männchen schleppt das Nistmaterial herbei – eine dünne Schicht aus Zweigen, Blättern, Wurzeln, Halmen und Federn, nebst Papier- und Kunststoff-Fetzen. Es ist kein Geheimnis, dass Eier gelegentlich beim Fehlen von Nistmaterial einfach auch ohne Unterlage auf den nackten Boden des Nistplatzes gelegt werden und dass in solchen Fällen nach mehreren Bruten eine dicke Kotschicht den Platz bedeckt. Die Hauptbrutzeit liegt in Mitteleuropa zwischen März und August, gelegentlich auch bis in den Oktober und dauert durchschnittlich etwa 17 bis 18 Tage. (In Großbritannien, Norwegen und Finnland sind gelegentliche Bruten im Spätherbst und Winter nicht ungewöhnlich). Zwei bis vier Bruten pro Paar und Jahr finden normalerweise statt, allerdings können bis zu sechs Bruten vorkommen. Die Gelege bestehen meistens aus zwei (seltener drei) spindelförmig-ovalen, weißen, leicht glänzenden Eiern (32 bis 42 mm lang, 26 bis 31 mm breit), im Abstand von 48 Stunden gelegt, die von beiden Partnern 17 bis 18 Tage bebrütet werden, beginnend ab dem ersten Ei. Nach dem Schlüpfen werden die Nestlinge anfänglich „gehudert“ von beiden Eltern mit Kropfmilch gefüttert, aber mit zunehmendem Alter tagsüber öfters allein im Nest gelassen und nur noch viermalig am Tag gefüttert. Es kann sein, dass die Eltern derweil ein Zweitnest aufsuchen und bereits mit einer neuen Brutfolge beginnen. Schon im „zarten“ Alter von 23 bis 25 Tagen verlassen die jungen Tauben das Nest und sind mit 30 bis 35 Tagen bereits voll flugfähig und unabhängig. Noch aber halten sie sich in der Nähe des Familienverbandes auf, den sie erst verlassen, wenn sie selbst eigene Partner ausgesucht haben.

 

Wie alt eine Stadttaube wird? Im Durchschnitt 3 Jahre (wenn sie nicht vorher Katzen, Mardern, Uhus, Sperbern und Wanderfalken zum Opfer fallen), aber bei optimalen Bedingungen können auch Stadttauben ein Durchschnittsalter von über 10 Jahren erreichen.  

Alles in allem hat die Stadttaube offenbar die Kultivierung des menschlichen Eros gefördert, der Mensch war bisher nicht imstande, die Tauben-Schwärme, die ihm an vielen Orten so sehr lästig fallen, auszurotten, so bleibt die begründete Hoffnung, dass im menschlichen Gefühlsbereich auch die Agape überlebt.