Minnie-Maus, vegan - eine Tiergeschichte

Sicista betulina (Waldbirkenmaus) c) Wikipedia
Sicista betulina (Waldbirkenmaus) c) Wikipedia

Die kleine Waldbirkenmaus - aus der Familie der Springmäuse - lebte in einem Garten in einer Gegend Deutschlands, in der selten Mäuse ihrer Art zu finden waren. Sie lebte gerne dort, denn es gab Früchte und auch Körner, Haferflocken, Nüsse und Rosinen für die Vögel. Sie war stolz auf ihren langen Schwanz, ihre zarten Füßchen wurden bewundert, das weiße Bäuchlein kontrastierte wundervoll mit dem mittelgrauen Pelzchen des Rückens, den ein dunkler Kontraststreifen längs des Rückens zierte. Sehr behend erkletterte sie die Äste einer großen Thuja, unter der ein ständig reich bestücktes Vogelfutterhäuschen stand, schaukelte gelegentlich nur zum Vergnügen auf einem der ausladenden Äste und füllte sich den kleinen Magen mit Vogelfutter, nahm sich von den Brombeeren, die über einen alten Zaun hingen oder nagte dann und wann an einem der kleinen Äpfel, die Sonne und Wind vorzeitig von den Ästen gelöst hatten.  

Das Völkchen der Hausspatzen, das in Zweigen der Bäume des kleinen Gartens schilpte und glaubte, ein alleiniges Anrecht auf den Futterplatz zu besitzen, schimpfte die kleine Minnie (so hieß das Mäuschen) nach Leibeskräften aus; denn sie lebten schon seit Generationen hier und genossen die menschliche Fürsorge, die ihnen jahrein, jahraus ein gutes Auskommen bot und den Luxus des täglichen Bades in einem der aufgestellten Wassernäpfe. Das Spatzenvölkchen lebte friedlich mit den anderen gefiederten Gesellen wie Amseln, Meisen, Rotkehlchen und Buchfinken, den Rotschwänzchen und Grünfinken als Sommerbesucher, aber die kleine freche Maus, nein – das war zuviel. All das Gezetere der gefiederten Fraktion scherte die Waldbirkenmaus wenig, sie ließ sich die Sonne auf das Pelzchen brennen, schlug gelegentliche Kapriolen, knusperte da und dort.  

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Doch die schöne Zeit eilte vorüber, Regen strömte herab, der kleinen Minnie wurde es recht ungemütlich in dem Garten, in dem sie sich ihr Zuhause geschaffen hatte. Doch sie fand einen Ausweg. Da gab es nicht weit von den Bäumen und dem Vogelfutterhaus Räume, die sie leicht erreichen konnte, da war es trocken und sie fand auch Futter: Hie und da ein paar Körnchen, ab und an ein Mäusemäulchen voll von den eingelagerten Kartoffeln und – besonders lecker – etwas von den rotbackigen Äpfeln im Regal. Doch nicht nur das angenagte Obst und Gemüse verrieten ihr heimliches Tun, auch andere verräterische Spuren bewiesen ihre Anwesenheit. Selbstverständlich, dass nun der Fang in einer Lebendfalle geplant wurde. Aber was würde dem Mäuschen schmecken und es dazu verführen, am Haken mit dem köstlichen Köder zu ziehen und damit die Fallentür zu schließen? Der fleischverzehrende Hausherr schloss von seinen eigenen Vorlieben auf die der Maus, bestückte abends den Haken mit Schinken und Käse, schob aber zum Anlocken zusätzlich eine kleine, rohe Kartoffel in den freien Käfig der Falle und – schaute am anderen Tage doch recht verdutzt, die Falle war leer, Schinken und Käse hingen noch am Haken – aber die Fallentür war offen geblieben, die kluge Minnie-Maus hatte die von ihr angenagte Kartoffel in den Eingang der Falle geschoben, so dass die Tür sich nicht schließen konnte.  

Nun war guter Rat teuer -was würde das kleine Nagetier bevorzugen? Eine Apfelscheibe? - Und schon war die Apfelscheibe platziert.

 

Der Morgen kam und fand die kleine Waldbirkenmaus in der Falle; sie hatte schon die Apfelscheibe vollkommen vom Haken gelöst, daran geknabbert und versuchte nun angestrengt, die Scheibe unter die Fallentür zu schieben. Sie zog mit den kleinen Zähnen nach Leibeskräften immer ein Stückchen weiter zum ersehnten Ausgang, aber das Kunststück gelang nicht!  

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Sie sah plötzlich ein riesiges Wesen über ihre Falle gebeugt, zeigte deutlich – indem sie sich oben an der „Decke“ des Käfigs festkrallte „ich will hinaus“. Das große Wesen flüsterte „nur ganz ruhig, kleine Minnie, du kommst wieder in die Freiheit, nur ist unser Haus nicht dein Haus!“ Das Wesen bröselte noch kleine, für Nagetiere geeignete Drops mit Petersilie, Löwenzahn und Luzerne in den Käfig, die Kleine beruhigte sich und knusperte an den Leckerbissen.

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„Ob dieses Wesen Gott ist“, dachte das Mäuslein und kuschelte sich in eine Ecke an der Fallentür. Es döste etwas und plötzlich wurde es samt dem Käfig weggehoben und an einen anderen Ort verbracht. Es wartete geduldig – da öffnete sich die Fallentür, es witterte Büsche, Bäume und Pflanzen – frisches Grün, so wie die Freiheit roch und … husch verschwand es im deckenden Gebüsch. „Es ist hier zwar nicht so üppig,“ dachte es bei sich und schaute sich um, „aber ich habe allemal genug, und die Freiheit ist immer noch besser als jeder noch so üppig bestückte Käfig.“

 

 

c) Elke Gelzleichter (Sept. 17)  

c) E. Gelzleichter
c) E. Gelzleichter