Das Recht der Tiere  

von Manfred Kyber

In unserer heutigen Kulturwende macht sich immer hörbarer und dringender die Forderung nach dem Recht der Tiere geltend. Allzu lange hat eine vom einseitigen Nützlichkeitsungeist geleitete Menschheit dieses Recht mit Füßen getreten und im Tier nichts weiter als ein Objekt der Ausnutzung und Raubgier gesehen, nicht mehr das brüderliche Geschöpf, das gleich uns im Weltgeschehen eingegliedert, den mühsamen Weg seines diesseitigen Daseins wandert. Alte Hochkulturen, wie die indische, der alles Leben heilig war, oder auch die ägyptische, der viele Tiere geweiht galten, dachten anders und besser über ihre Mitgeschöpfe als unsere heutige, zu Unrecht gerühmte Scheinkultur. Einseitige Überspannung der Technik, des rein Nützlichen und Verstandesgemäßen hat unser Dasein entgeistet, hat es gefühlsarm und naturfern gestaltet und damit menschenunwürdig, denn niemals kann ein wirkliches Menschentum sich von der Natur abtrennen, ohne dass solche Isolierung ins Untermenschliche hinabführt, und auf diesem Wege ist unsere Zivilisation weit genug gegangen, so weit, dass ein Weitergehen das Chaos bedeuten würde. Wir sind dieser Schöpfung eingeordnet, nicht übergeordnet, und wir werden ein neues und besseres Menschentum nur erreichen, wenn wir die Gemeinsamkeit allen Lebens begreifen und heiligen.

Ohne Naturnähe ist eine wahre Kultur undenkbar und darum sind auch vor allem Tierschutz und Kultur untrennbare Begriffe. Alexander v. Humboldt sagt: „Grausamkeit gegen Tiere ist eines der kennzeichnendsten Laster eines niederen und unedlen Volkes. Wo man ihrer gewahr wird, ist es ein sicheres Zeichen der Unwissenheit und Roheit, welche selbst durch alle Zeichen des Reichtums und der Pracht nicht übertüncht werden kann. Grausamkeit gegen die Tiere kann weder bei wahrer Bildung noch bei wahrer Gelehrsamkeit bestehen.“ Diese Worte kann heute kein Volk aussprechen, ohne sich selbst als niedrig und unedel zu bezeichnen – und das mit vollstem Recht und im weitesten Umfang. Dem Tier gegenüber sind heute alle Völker mehr oder weniger Barbaren, es ist unwahr und grotesk, wenn sie ihre vermeintlich hohe Kultur bei jeder Gelegenheit betonen und dabei tagtäglich die scheußlichsten Grausamkeiten an Millionen von wehrlosen Geschöpfen begehen oder doch gleichgültig zulassen. Können wir uns wundern, dass diese sogenannten Kulturvölker immer mehr einem furchtbaren Weg des Abstiegs entgegenwandern? Man klagt über die verworrene Lage, in die unsere Zivilisation geraten ist, man leidet unter ihr – aber hat man ein Recht zu klagen, wenn man selbst unzählbare Gemeinheiten an Mitgeschöpfen verübt, die uns so ähnlich geartet sind, die Freude und Schmerz, Elternliebe und Kindesgefühl kennen wie wir, die ein Recht ans Leben und ein Recht an diese Welt haben, wie wir auch?

Romain Rolland sagt: „Wenn der Mensch so viel Leiden schafft, welches Recht hat er dann, sich zu beklagen, wenn er auch selbst leidet?“ Es hat keinen Wert eine Kultur zu preisen, wenn wir sie noch gar nicht haben, und wenn unsere heutige verkommene Nützlichkeitszivilisation nicht wieder Achtung vor der Natur lernt und die ungezählten Barbareien an den Tieren beseitigt, dann ist sie es wert zugrunde zu gehen. Roheit gegen das Tier führt zur Roheit gegen den Menschen und letzten Endes zum Kampf aller gegen alle, zum Chaos eines untermenschlichen Satanismus. Nahe genug ist ihm unsere heutige Zivilisation gekommen, und die Forderung auf das Recht der Tiere, die heute aus so vielen Reihen erhoben wird, ist nicht mehr und nicht weniger als die Forderung, das verloren gegangene Menschentum wieder herzustellen. Denn Menschen, die in ihren lebendigen Mitgeschöpfen nichts als eine Ware für ihren Eigennutz sehen, sind keine Menschen mehr, sondern mechanisierte Nützlichkeitssklaven, und das Stigma dieser furchtbaren untermenschlichen Gesinnung trägt unsere Zeit in einem grauenerregenden Maße. Es würde ein ganzes Werk ergeben, wollte man untersuchen, wie es möglich war, dass sich eine Menschheitsentwicklung so sehr in Naturferne verlor. Wesentlich war hier sicher die einseitige Ausbildung des Verstandesdenkens, der unspirituellen niederen Logik, die von keiner Intuition getragen wurde. Eine solche Ausbildung war an sich notwendig, aber sie ist überspannt worden, und man tut gut daran, die Propheten dieser Verstandesweisheit daran zu erinnern, dass mit ihr kein Kunstwerk geschaffen wurde und kein Fortschritt der Menschheit über ein rein praktisches Ergebnis hinaus erzielt werden konnte und kann. Solche Werte vermag allein wirkliche Spiritualität zu schaffen, der der Verstand stets etwas Untergeordnetes war, die bescheidenste Vorstufe zu dem, was eigentliches Denken und Gestalten ist. Es ist heute die höchste Zeit zur Umkehr und zur Einkehr in Ewigkeitswerte. Ist es nicht erstaunlich, dass gerade die Menschen des Westens, der europäischen Zivilisation, in ihrem ganzen Horizont nicht über die wenigen Jahre ihres diesseitigen Lebens hinauszugehen vermögen? Dass sie sich ganz so einrichten, als wäre dieses flüchtige Dasein alles, für das sie schaffen und überlegen und sich alle Vorteile sichern wollen, als stünde nie die Stunde bevor, wo der Tod das abschneidet, was diese Leute für immer zu bauen glaubten?  

Dieser materialistische Mangel des Jenseitsgefühls, der Verantwortung für eine Konstanz des Lebens ist vielfach auch schuld an der furchtbaren Barbarei den Tieren gegenüber, an der scheußlichen Nützlichkeitseinstellung zur Natur als Ware, als Ausnutzungsobjekt. Aber diese ganze Einstellung ist nicht nur ethisch untermenschlich, sie reicht auch nicht aus, das Problem des Daseins der Völker und der einzelnen Menschen wieder in gesunde Bahnen zu bringen. Es ist eine jämmerliche Philosophie im Vergleich zum Denken der alten Hochkulturen, eine Froschperspektive, die eine Verirrung nach der anderen erzeugt. Diese Gesinnung bringt es auch mit sich, die furchtbare Gefahr unserer Naturferne und die eigentlichen Ursachen unserer mechanisierten Zivilisation möglichst zu verschleiern. Aus dieser Gesinnung, die in allem nur Ware und Raubobjekt sehen will, sind auch die vielen Bequemlichkeitseinwände gegen den Tierschutz entstanden, auf die es in Kürze noch einzugehen lohnt. Man sagt, um die Augen zu schließen vor all dem Elend der Tiere, das man schamlos verursacht, der Tierschutz sei sentimental, das Leben sei ein Kampf, und wie die Dutzendphrasen billigen Denkens sonst noch heißen mögen. Das Leben ist gewiss ein Kampf von Dunkel und Licht, aber ist die Vergewaltigung und Folterung wehrloser Geschöpfe ein Kampf? Eher ist sie eine Feigheit, was man gerade den allzu vielen Kraftschreiern nicht genug vorhalten kann. Männlichkeit und Roheit ist nicht dasselbe, sondern das eine das Gegenteil des anderen. Zum wirklichen Kampf für Fortschritt und Menschentum gehört mehr Kraft und Mut, als diese Krakeeler alle zusammen jemals aufbringen würden. Und wenn man schon die Notwendigkeit des Tierschutzes einsieht, so wendet man doch gerne ein, die Menschen gingen eben vor und man könne nicht allen helfen. Gewiss kann man das nicht, heute jedenfalls nicht, aber nach diesem Grundsatz dürfte man Männern erst helfen, wenn allen Frauen geholfen wäre, und Frauen erst helfen, wenn alle Kinder versorgt wären. Solche Bequemlichkeitsphrasen ergeben, folgerichtig weitergedacht, eine absolute Narrheit. Das Leben ist eine Gemeinsamkeit, die man nicht beliebig in Verwaltungskanzleien abtrennen kann – wie will man, um nur ein Beispiel herauszugreifen, eine nur einigermaßen anständige Jugend heranziehen, ohne ihr Achtung vor der Natur und dem Tier, Achtung vor den Schwächeren und Wehrlosen als ersten Grundsatz des anständigen Menschen einzuprägen? Oder man sagt ferner, der Tierschutz sei zwar sehr notwendig, aber man sei durch den Weltkrieg und seine Folgen verarmt, man habe kein Geld mehr für solche Zwecke.

Traf das auch vor dem Weltkriege zu? Gewiss nicht. Und auch heute trifft es nicht zu, denn wenn die Völker von den Tausenden und Millionen, die sie jährlich für unnütze, sogar schädliche Dinge ausgeben, nur eine einzige für den Tierschutz bereitstellen wollten, so wäre ihm damit eine Hilfe erwiesen, die er noch niemals empfing. Vor allem aber ist ein Volk, das für seine wichtigsten ethischen Forderungen kein Geld mehr übrig hat, überhaupt verloren. Man kann diese Tatsache nicht ernst genug nehmen. Aber man muss auch den Mut haben, ihr ins Auge zu sehen, und man muss den Mut aufbringen, ein neues Menschentum zu vertreten auch gegen eine johlende Massenmeinung und gegen den Dünkel und den Nützlichkeitsungeist der Cliquen, die uns nun wahrhaftig tief genug ins Elend gebracht haben mit ihrer famosen Zivilisation. Es ist leider unmöglich, alle die furchtbaren Verbrechen am Tier, die täglich begangen werden, im Rahmen kurzer grundsätzlicher Ausführungen auch nur aufzuzählen. Ich habe sie ausführlich in meinem Buche „Tierschutz und Kultur“ behandelt (Verlag von Grethlein & Co., Leipzig, Zürich), das zum Herstellungspreise erschienen ist und keinen anderen Interessen dienen soll, als denen der misshandelten Tierwelt und unseres verlorenen Menschentums. Ich schrieb es, ohne einer Partei oder Clique angehörig zu sein, aber auch ohne eine zu fürchten und ohne auf eine Rücksicht zu nehmen. Wir brauchen das Bekenntnis zur vollen Wahrheit auf diesem Gebiet und sonst nichts. Wir dürfen uns nicht verhehlen, dass die ganze menschliche Gesellschaft der letzten Jahrhunderte in dieser Frage versagt hat. Wir müssen zugeben, dass vor allem auch die Schule, die Kirche und die Behörden darin versagt haben. Wir müssen von den Behörden, von den Abgeordneten und den gesetzgebenden Körperschaften endlich ein menschenwürdiges und anständiges Tierschutzgesetz fordern, das wir bisher nicht haben. Ein Gesetz, das die Tiere als Wehrlose und Unmündige schützt, das nicht nur jede Behörde, sondern überhaupt jeden Menschen berechtigt und verpflichtet, gegen Tiermisshandlungen einzuschreiten, weil sie eine Entwürdigung des Menschen und eine Schande für ein Volk und seine Kultur sind. Wir müssen von den Schulen verlangen, dass sie weit mehr als bisher den Tierschutz und die Naturnähe heranbilden an Stelle sehr einseitiger wissenschaftlicher Erkenntnisse, die, so weit sie auch gekommen sein mögen, noch nicht im entferntesten ausreichen, uns eine Weltanschauung zu vermitteln oder gar das Geheimnis des Daseins zu erklären. Achtung vor dem Leben müssen wir lernen, denn wir stehen selbst mitten in diesem Leben drin, ohne es zu begreifen und ohne es zu beherrschen. Das Gleiche gilt für die Kirche. Man braucht nur an Franziskus von Assisi zu denken, einen der größten Geister, die diese Zeit jemals sah, der die Tiere seine Geschwister nannte und sie mit dem Zeichen des Kreuzes segnete. Oder man mag sich an Luther erinnern, der in allem die Allbeseelung schaute. Eine Ethik, die sich gerade der Wehrlosen nicht annimmt, ist überhaupt keine, ist nichts als ein bunter Fetzen, nichts als eine schäbige Nützlichkeitsmoral, ein Requisit der Geldgier und des Materialismus unserer heutigen Zivilisation. Wir haben übergenug an diesen billigen Kulissen. Was wir brauchen, dringend brauchen, ist ein wirkliches und naturnahes Menschentum, das uns allen wieder ein lebenswertes Dasein bringt, und das ist ohne Achtung vor a l l e m Leben und damit ohne Tierschutz undenkbar. Alle großen Geister aller Zeiten fühlten sich den Tieren geschwisterlich verbunden, so dass man ruhig sagen kann, es ist ein Zeichen menschlicher Niedrigkeit, das nicht zu tun. Und man muss erstaunt fragen, mit welchem Recht sich die Vielen, die keine großen geistigen Leistungen aufzuweisen haben, hochmütig über das Tier zu stellen erlauben, das allen wirklich Großen Bruder war und Bruder ist? Es ist Zeit, dass in unseren Automatismus wieder etwas vom Geheimnis des Grales einfließt, und alle, die überhaupt noch Menschen sind, begreifen, dass nur erlöst und befreit werden kann, wer andere erlösen und befreien hilft. Von solcher Erlösung und Befreiung die Tiere auszuschließen, wäre Wahnsinn und Verbrechen, denn wir alle sind Kinder einer Einheit, und Weltgesetze und Weltgeschehen verbinden alle Kreatur miteinander in der Kette der Dinge. – "Alle Wesen sehnen sich nach Glücklichsein, darum umfange mit deiner Liebe alle Wesen," lehrt Gautama Buddha, und "ein jedes Wesen in Bedrängnis hat gleiche Rechte auf Schutz", sagt Franziskus von Assisi. Und auch Christus "war bei den Tieren und die Engel dieneten ihm". Das ist wirkliches, spirituelles, vergottetes Menschentum, und eine Menschheit, die sich davon lossagt, ist keine Menschheit mehr. Sie soll sich über ihren Untergang nicht wundern. Eine Menschheit, die das Recht ihrer wehrlosen Mitgeschöpfe nicht anerkennt, hat selbst ihr eignes Recht und ihr eignes Dasein verwirkt. Die Menschheit allein, die geschwisterlich das Recht der Tiere wie ihr eigenes kennt und achtet, wird, gottnahe und naturnahe, der Träger einer kommenden Kultur sein.

 

O.J.