Haushühner (und ihre Geschichte)

Du armes Huhn 

hast viel zu tun,

legst jeden Tag ein Ei

und hast nie frei 

 

Die Abwandlung des alten Gassenhauers aus den „Goldenen Zwanzigern“ entspricht wohl eher der Realität im Leben des modernen Haushuhns (Gallus gallus domesticus); denn die Wildform unseres Haushuhns, das Bankhivahuhn aus Südostasien, von dem alle Hühnerrassen abstammen (ca. 180 an der Zahl) legte nur 30 bis 36 Eier im Jahr. Heutigentags kann man bei den Legerassen von 300 bis 360 Eier pro Jahr ausgehen, was fast dem Jahresverzehr eines einzelnen Deutschen (225) entspricht.

Zur Familie der Fasanenartigen gehörend (männliches Tier Hahn, Gockel – weibliches Tier Henne oder als Muttertier Glucke genannt), gilt das Haushuhn als das häufigste Haustier des Menschen mit einem geschätzten Weltbestand von durchschnittlich 20 Milliarden Tieren. Dass die jährliche Schlachtquote allerdings bei 45 Milliarden Tötungen liegt, muss man darauf zurückführen, dass die Tiere heute sehr schnell ihr „Schlachtgewicht“ erreichen, einhergehend mit quälerischen Käfig- bzw. Kleingruppenhaltungen und dem unsäglichen Schreddern bzw. Zermusen der lebenden männlichen Küken. Auch die sog. „Freilandhaltungen“ bzw. „Bodenhaltungen“ oder der Zusatz „Bio“ täuschen in vielen Fällen nur darüber hinweg, dass es sich um eine nicht artgerechte Massentierhaltung handelt, die den Hühnern das arttypische Scharren und Picken nicht erlaubt und in der drangvollen Enge zu Stress-Situationen führt, die leider allzu oft als hauptursächlich für ein agressives Verhalten untereinander angesehen werden muss. Die sprichwörtliche Hackordnung der Hühner verlangt u.a. vom Halter, dass die Stangen für die Schlafplätze in gleicher Höhe angebracht werden, um Kämpfe um die Rangordnung zu vermeiden – die Wildformen bevorzugen Schlafplätze in den Bäumen. 

Gesprenkelter Hamburger Hahn
Gesprenkelter Hamburger Hahn

Die lange Domestizierungsgeschichte der Haushühner ist schwieriger als die anderer Haustiere, z.B. von Schweinen und Rindern, nachzuvollziehen; denn Hühnerknochen blieben seltener erhalten als andere Knochen und gerieten nicht selten in andere archäologische Schichten, außerdem sind diese gefundenen Knochen schwierig zu interpretieren und wurden bis in das letzte Viertel des 20. Jahrhunderts für unwichtig erachtet, weil man ihnen keine aussagekräftigen Erkenntnisse zumaß. Doch diese Einstellung hat sich zum Glück geändert, die archäologischen Fundsituationen verraten viel über Handelsrouten, Ernährung und Umwelt der alten Kulturen.  

Röm. Mosaik - Vatikan. Museum
Röm. Mosaik - Vatikan. Museum

Heute ist bekannt, dass in China schon 6000 v. u.Z. eine erfolgreiche Domestizierung in Angriff genommen wurde. Domestikationsnachweise in der Induskultur gibt schon zwischen 2500 und 2100 v. u. Z., in Ägypten gibt es Nachweise um 1475 v. Chr., die ersten Funde in Europa stammen aus der frühen Eisenzeit. Aber erst die Römer beschäftigten sich mit der Züchtung anderer Rassen. Als sehr interessant erzeigt es sich, dass Funde aus präkolumbianischer Zeit die bisherige Forschungsmeinung widerlegen, dass erst mit den Europäern das Haushuhn nach Amerika gelangte.

Das Ziel der Züchtungen galt neben der "Produktionssteigerung" (nur wenn einer Henne das gelegte Ei weggenommen wird,  regt sie dies zum weiteren Legen von Eiern an) u.a. auch der gegen Krankheiten resistenter Rassen. Neben der Geflügelpest, können Fußräude, die Pips und Coligranulomatose die Tiere heimsuchen. Marek - eine Lähmung - und Kokzidose (Durchfallerkrankung) zählen zu den häufigsten Todesursachen bei Küken und Jungtieren. Zu den gefährlichsten Seuchen, bei der in Deutschland eine Impfpflicht besteht, zählt die Newcastle-Krankheit, die ganze Bestände auslöscht.

 

Vielfältig und bunt zeigt sich ein Hühnervolk in seinem Federkleid, von Art und Rasse bestimmt, von besonderer Pracht die Hennen, die in der Natur alljährlich ihr Federkleid wechseln. Vertraut krähen auf dem Lande die Hähne, ihren Weckruf, Gackern die Hennen mit ihren Lock- und Drohlauten, scharren in der Erde mit ihren von Federn unbedeckten wachsgelben Füße, picken nach Körnern, Gräsern und Sämereien, Schnecken und Würmern und verzehren sogar gelegentlich Mäuse. Die roten Kämme auf dem Scheitel unterscheiden sich in ihrer Form und Größe dem jeweiligen Rassestandard entsprechend, die Hähne zeigen stolz ihr üppiges Schwanzgefieder und können u.U. im Verteidungsfall mit ihrem Sporn an den Füßen empfindliche Verletzungen zufügen (manche Arten sind sogar mit mehreren Sporen ausgestattet). Es wurde festgestellt, dass Hühner verhältnismäßig schlecht sehen (nur bis etwa 500 m), sind aber durchaus sehr lernfähig – ihre Intelligenz wird der von Hunden und Katzen gleich gesetzt. So weiß man z.B. von Tieren zu berichten, die aus negativen Erfahrungen mit ihren Baum-Schlafplätzen (Beutegreifer) die Lehre zogen, sich doch lieber bei Einbruch der Dunkelheit in einen geschützten Stall zurückzuziehen.

 

Es gibt es also nicht, das „dumme Huhn“, sondern nur den bildungsresistenten Menschen, der nicht begreift, dass es sich auch bei der „Ware“ Haushuhn um Leben handelt, das leben will. Gleich den Menschen, die eine Pause im und vom Arbeitsleben benötigen, sollte auch den Hühnern eine legefreie Zeit gegönnt werden, ohne eine gezielte, das Legen forcierende Fütterung (mit sog. „Legemehl“). Sie sollten nicht in Kleingruppen gehalten werden, die ihnen ein armseliges Leben beschert. Hennen, die nicht ständig zum Eierlegen gezwungen werden, leben länger, im Durchschnitt etwa bis 15 Jahre, die Hälfte der Zeit bleibt nur den Ausgebeuteten.  

Gibt es uns nicht zu denken, dass in einem alten christlichen Abendlied (Gebet) Jesus mit einer fürsorglichen Glucke verglichen wird: „Breit aus die Flügel beide, oh Jesu, meine Freude und nimm' Dein Küchlein (Küken) ein...“? Die mütterliche Glucke, ein Mitgeschöpf, das seine Kinder schützt, atmend - fühlend ...und wir?

"...wir leben vom Tode anderer...wir sind wandelnde Grabstätten ...Erzeugt denn die Natur nicht genug Vegetabilien, mit denen du dich sättigen kannst?" (Leonardo da Vinci)