Die Seeadler, mächtige Könige im Luftrevier

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Symbol, Botschafter des Lebens - bedroht in seinem Lebensbereich

Es ist wie ein Ahnen aus dem tiefsten Urgrund unserer Seele, wenn es uns vergönnt ist, einen von ihnen sehen ...am Himmel... mächtig ausgebreitete Schwingen, brettartig, weit auseinander gespreizt die äußeren Schwungfedern...ihn, unseren Wappenvogel – den Seeadler.

 

...Und dann taucht sie auf, jene Sehnsucht nach Freiheit und gleichzeitig nach Geborgenheit, beschrieben in einem festen Begriff - „Adlers Fittiche“ - ...das Göttliche scheint so nah... Schicksalhaft verbunden mit den Gottheiten aller Religionen, tritt er uns in Mythen und Legenden aus uralten Zeiten entgegen, dieses Symbol des Lichtes und der Reinheit. 

Wikipedia c) littleisland , Norway
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Saß er nicht ein einst in den Wipfeln der Weltenesche Yggdrasil im geistigen Kampf mit der Schlange, die sich an den Wurzeln wand?

 

Die Blitze des Zeus trug er zur Erde, schwebte bei den Bestattungen der Pharaonen über dem Katafalk . Er kennt den Lebenswasserquell und zeigt sich oft in den Märchen als Wegleiter und Führer „des Helden bei seiner Fahrt ins Unbewusste“. Verwandt mit dem mythologischen Phoenix, der sich selbst Verbrennende, aus seiner Asche Wiedererstehende, steht er für Selbsterneuerung und kraftvolle Wiedergeburt und zählt in seiner Bezeichnung als „goldener Vogel“ zu den ältesten indo-europäischen Symbolen höchster Ordnungsmacht. 

Ja, er scheint zur Sonne zu fliegen - ist er nicht der Träger der Seelen und bringt sie ins Licht?!. Der Kampf des Hehren, Lichten mit den dunklen Abgründen der Geheimnisse unter den Wasserspiegeln, der Allwissende um alle Rätsel des Daseins – auch dafür steht der Adler. Dieser Spiegel des höchsten Wertes und innersten Kerns der menschlichen Seele verführt mit seinem Anblick zu unstillbaren Sehnsüchten nach grenzenloser Freiheit, verstrickt in „Lichtträume“ und dem Wunsch zur Himmelsnähe.

 

Fast waren sie schon ausgelöscht, die Bestände der Seeadler, die mit der imposanten Flügelspannweite von 2,50 m zu den größten Habichtartigen Europas gehören (nur die Bartgeier der Pyrenäen verfügen über eine noch größere Spannweite von ca. 3 m), ähnlich wie bei den Steinadlern ist auch die Seeadlerin größer und kräftiger als ihr männlicher Part (Gewicht weibl. zw.3,7 bis 6,9 kg, männl. 3,1 bis 5,4 kg, Größe im Durchschnitt 74 bis 92 cm). Durch zahlreiche Schutzmaßnahmen – besonders auch in Schleswig-Holstein – nimmt der Bestand seit den 1980er-Jahren allmählich wieder zu, doch die Gefährdung durch den Menschen ist allgegenwärtig – die Tierwelt verfügt über keine Feinde der Seeadler!

Wünschen wir uns nicht, ihn bei seinen Flügen zu begleiten, wenn er einem Gerüstbrett gleich vor der Sonne am Himmel schwebt oder, den kräftigen langen Hals weit vorgestreckt, mit dem gut erkennbaren, großen gelben Schnabel, den starken krallenbewehrten Fängen (mit gelber Wachshaut überzogen, unbefiedert), die Schwingen im aktiven Flug kräftig von oben nach unten durchschlagend? Die hellgelbe Farbe der Iris seiner Augen verleiht ihm den typischen Adlerblick, der alles zu durchschauen scheint und bis in die tiefsten Abgründe blickt. Wind plustert das braune Gefieder des Körpers auf, das an Kopf, Hals, oberer Brust und oberem Rücken in eine gelbliche Ockerfarbe übergeht, die Federn des keilförmigen kurzen Schwanzes dagegen erstrahlen in einem hellen Weiß. Eigentlich wirkt der Körper des mächtigen Vogels im Sitzen kantig und plump, doch im Flug und bei der Jagd offenbart sich die ganze Majestät und Schönheit, Eleganz und Wendigkeit, wenn sein Schatten sich über die klaren Wasser der stillen, abgelegenen Waldseen legt, die ihm und den Seinen Fischreichtum und kleine Wasservögel zur Ernährung bescheren. Aber auch Aas verschmäht er nicht, große Ansammlungen von Rabenvögeln zeigen ihm den Weg. 

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Zwar erstrecken sich die Lebensräume des Seeadlers in einem breiten Streifen über die gemäßigten borealen und arktischen Zonen Europas und Asiens, doch ist er aufgrund seiner Nahrungsbedürfnisse an die klaren, fisch- und wasservogelreichen Gewässer von Küsten, großen Seen und Flüssen gebunden, im Binnenland als Bewohner unberührter Waldseenlandschaften, wie z.B. in Deutschland - mit den höchsten Siedlungsdichten in Mecklenburg-Vorpommern (Müritz, Feldberger Seenlandschaften) und in der Lausitz. 

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Das Nahrungsspektrum des Seeadlers, das vor allem in der Brutzeit vornehmlich aus Fischen und Wasservögeln besteht, in manchen Gebieten auch gelegentlich kleine Säugetiere wie Kaninchen und Feldhasen einschließt, erfordert auch eine besondere Technik der Jagd bzw. des Beuteerwerbs. Sie reicht vom einfachen Einsammeln toter bzw. halbtoter Fische bis zum Erbeuten von Fischen, die der niedrig fliegende Adler im Vorüberflug aus dem flachen Wasser der Uferzonen ergreift. Die Fähigkeit, einige Minuten auch auf tieferem Wasser mit ausgebreiteten Flügeln liegen zu können, nutzt er, um Fische von mehr als 2 kg zu erjagen, indem er sie festhält, bis sie, vom Kampf erschöpft, aufgeben und er mit ihnen an Land zu schwimmen vermag. Eine ähnliche Technik wird ebenfalls beim Erjagen von Wasservögeln in Eislöchern angewandt. Die gemeinsame Jagd des Adlerpaares, das im Übrigen in einer Dauerehe lebt, auf abtauchende Wasservögel, die sie abwechselnd solange zum Abtauchen zwingen, bis sie erlahmt sind und ergriffen werden können, erweist sich als besonders effizient. Erstaunlicherweise zeigen die großen Könige der Lüfte auch ein parasitäres Verhalten gegenüber anderen Arten, vor allen Dingen bei den Fischadlern, selbst mittlere Habichtartige werden parasitiert (= das Stehlen und Abjagen erbeuteter Nahrung). Besondere Erforderungen gelten für Beobachter, die die Adler bei der Jagd von den Sitzwarten aus an den Uferzonen der Gewässer fokussieren möchten, denn das stundenlange Sitzen des jagenden Adlers, der unbeweglich beobachtend sein Blickfeld weit in die Umgebung nach möglicher Beute gerichtet hat, diszipliniert im Erlernen engelsgleicher Geduld. In den harten Zeiten der Winterhalbjahre suchen und sammeln die Seeadler z.B. mit Erkundungsflügen entlang von Bahnlinien oder Autobahntrassen, verunfallte Tiere bzw. auch Aas zur Ernährung. Ansammlungen von Rabenvögeln und Kormoranen weisen auf Kadaver hin, liegengelassene Aufbrüche aus Jagden dienen ebenfalls zur Nahrung, sind aber durch den Bleigehalt lebensgefährlich für die großen Vögel. Wasservögel (Blässhühner, Graugänse und Stockenten) schlagen mit einem bis zu 80 %igen Anteil in der kalten Jahreszeit zu Buche, die als Zeit der Balzflüge und Paarungen wunderschöne Schauspiele des Adlerlebens dem Betrachter bietet, besonders an windigen, sonnigen Tagen zeigen sie sich mit ihren Flugkünsten in einer besonders hohen Flugaktivität.

 

Alte Seeadlerpaare kreieren im Laufe ihres gemeinsamen Lebens oft riesige Horste, die sie immer wieder erweitern (manchmal auch mehrere „Wechselhorste“ in einem Gebiet). Diese beeindruckenden Konstruktionen erreichen, wenn sie Jahrzehnte genutzt werden, manchmal eine Höhe von 3- 5 Metern, einen Durchmesser von 2 Metern und ein Gewicht von bis zu 600 kg. (Neue Horste zeigen nur einen Durchmesser von 1,2 bis 1,5 Metern und eine Höhe von 50 bis 80 cm). Geschickt aus Ästen in die Kronen alter Waldkiefern oder Rotbuchen geflochten, watteweich auskleidet mit Grasen und Mosen, dient es ab Mitte Februar bis Mitte März zur Ablage von 1 bis 3 weißen Eiern, das Brutgeschäft beginnt – 38 Tage lang. Bereits nach 75 Tagen sind die Adlerkinder schon als sog. Ästlinge zu sichten, kurzstreckige Flüge absolvieren sie nach 80 bis 90 Tagen. Immature – also junge Seeadler, zeigen ein gleichmäßiges dunkelbraunes Federkleid, eine graue Färbung von Schnabel und Wachshaut. Doch mit jeder Mauser ähnelt die Gefiederfärbung immer mehr denen der adulten (erwachsenen) Seeadler und ist letztlich nach 5 Jahren abgeschlossen.

Junger Adler c) Wikipedia
Junger Adler c) Wikipedia

In den nördlicheren Regionen Europas, z.B. in Norwegen, geschieht es nicht selten, dass Seeadler in kahlen Felswänden brüten und sich auf einsamen, unbewohnten, baumlosen Inseln sogar als Bodenbrüter erweisen. Gesellige Zusammenschlüsse mit fremden Artgenossen kann man in erster Linie nur bei Jungvögeln in nahrungsgereichen Gebieten feststellen, die oft in Gruppen (bis zu 20 Vögeln) entweder spielerisch um Nahrung balgen oder gemeinsame Schlafplätze nutzen. Noch nicht ausgefärbtes Gefieder schützt die immaturen Adler vor heftigen Angriffen der territorialen Altvögel, die nur junge, nicht ausgefärbte Fremdvögel in ihrem Revier dulden bzw. sie ignorieren, während adulte Eindringlinge meistens schleunigst das Gebiet verlassen müssen. Allerdings wurden auch Revierkämpfe mit ernsthaften Verletzungen von Adlern wahrgenommen, denen der Übernahmeversuch eines Reviers durch einen Fremdvogel zugrunde lag. Mit Ausnahme der Seeadler Russlands und Sibiriens, die als Zugvögel hauptsächlich in Asien (bspw. Hokkaido, Korea, Südchina, Indien usw.) überwintern, verbleiben die erwachsenen Seeadler im übrigen Europa als sog. „Standvögel“ ganzjährig in ihrem Revier, während junge immature oder revierlose adulte Adler auf der Suche nach günstigen Ernährungsmöglichkeiten in ganz Europa umherstreifen. Fünf Hauptüberwinterungsgebiete zeigten sich im Winter 2011/2012 in Österreich: Die March-Thaya-Auen im Grenzgebiet zur Slowakei und Tschechien, die Parndorfer Platte im Norden des Burgenlandes, der burgenländische Seewinkel inkl. des Grenzgebietes zu Ungarn, die Donau-Auen bei Wien und das nordöstliche Waldviertel. Die Ruhe und Ursprünglichkeit der östereichischen Waldseenlandschaften lud im Winter 2012 zahlreiche Seeadler zum Überwintern ein, so dass im Februar d. J. der WWF dort 159 überwinternde Exemplare zählen konnte.

Es steht fest, dass Adlerschutz in erster Linie Schutz vor menschlichen Über- und Eingriffen in ihre Lebensbereiche bedeuten muss. Allein durch das mittlerweile verbotene Insektizid DDT war diese Spezies in Westeuropa bis Anfang des 20. Jahrhunderts ausgerottet worden, wenige Bestände fanden sich nur noch in Mitteleuropa in Mecklenburg-Vorpommern und in Brandenburg. Die ersten Schutzbemühungen, vor allen Dingen durch das Buch von Bengt Berg „Die letzten Adler Europas“ angeregt (mit Nestplatzschutz und Winterfütterung), zeitigten bald Erfolge, so dass man heute von einer kontinuierlichen Bestandszunahme ausgehen könnte, wenn.. ja, wenn der Mensch nicht immer wieder in die Lebensabläufe der Mitwelt und Mitgeschöpfe auf fatale Weise eingreifen würde: Die höchste Mortalitätsrate von 33 % hat ihre Ursache in Bleivergiftungen, die in dem menschlichen Jagdverhalten begründet sind. Die Projektile von Bleischrot, wie er für die Jagd auf Wasservögel, Tauben, Fasane, Füchse, etc. verwandt wird, aber vor allem aber bleihaltige Kugelmunition, mit der Paarhufer (u. a. Rehe, Hirsche und Wildschweine) erlegt werden, zersplittern beim Aufprall und kontaminieren große Teile des Tierkörpers mit Bleisplittern. Das Ernährungsverhalten der Seeadler, die insbesondere im Winter systematisch nach Aas suchen und dann die am Ort der Erlegung vom Jäger zurückgelassenen Innereien nutzen sowie Tiere, die beschossen und trotz Nachsuche nicht gefunden wurden, verursachen den tödlichen Circulus vitiosus. So kommt es zu dem Prozess, in dem die sauren Magensäfte des Seeadlers Blei sehr schnell auflösen, das Blei dann in die Blutbahn gelangt und das toxische Schwermetall u. a. das Zentralnervensystem und die Blutbildung der Adler schädigt. Sehr häufig führt dies von zentralnervösen Ausfallerscheinungen bis zur völligen Blindheit. Viele der Adler ersticken qualvoll, da die Störung der Blutbildung zu Sauerstoffmangel führt. Erstaunlich, dass die Jägerschaft nicht zur seit längerem verfügbaren, bleifreien Alternativmunition greift, zumal Bleivergiftungen auch in erjagtem Niederwild festgestellt wurden, ebenso wie Bodenverseuchungen.

 

Erste Schritte zum Verbot bleihaltiger Kugelmunition haben bisher die Landesforstverwaltungen der Länder Berlin und Brandenburg unternommen, doch die starke Lobby der Jägerschaft hat es bisher verstanden, das bundesweite Verbot bleihaltiger Munition zu verhindern. 

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Nicht nur dieses unwürdige Jagdverhalten gegenüber der Mitwelt gefährdet die Adler auch weiterhin, sondern auch das anderer gedankenloser Lobbyisten, die das eigene Vergnügen bzw. zu erwartenden Gewinn über die Interessen des Naturschutzes stellen und sich anschicken, in den Lebensräumen der geschützten Seeadler Motorboote zu Wasser zu lassen. Dort würde kein Seeadler mehr sein Brutgeschäft verrichten, die Gefährdung der Bestände wäre garantiert, wenn die plärrenden Motorboote über die klaren Wasser der Seen (z.B. in der Feldberger Seenlandschaft) rasen und sie verseuchen würden.

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Wenn man den Kreis zwischen Mythos und Realität schließt, bleibt immer noch die Bewunderung für eine einzigartige Spezies, die es zu bewahren und zu schützen gilt; es bleiben Staunen und Wünsche und das Erkennen der menschlichen Unzulänglichkeit: Nur in unseren Träumen vermögen wir zu fliegen!