Der Eisvogel - Alcedo atthis Tl. 2

Eisvogel unterfliegt einen Entenschnabel c) Elke Gelzleichter (Möhlwoog) Stadt Homburg-Saar/OT Jägersburg
Eisvogel unterfliegt einen Entenschnabel c) Elke Gelzleichter (Möhlwoog) Stadt Homburg-Saar/OT Jägersburg

Jeden Vormittag beginnt die Vogelmutter mit der Eiablage, jeden Tag legt sie ein zunächst rosafarbenes, fast rundes Ei, von ca. 4,4 Gramm – bis zu acht an der Zahl – die später die Farbe weißen Porzellans annehmen, des Öfteren wacht ein Altvogel bei dem unvollständigen Gelege. Im Wechsel bebrütet das Elternpaar das Gelege erst wenn es vollständig ist. Nachts brütet meistens das Weibchen, den Kopf – ebenso wie der im Wechsel brütende Partner – zum Ausgang gerichtet. Zur Ablösung ruft der ankommende Vogel kurz an der Steilwand, der brütende Partner verlässt dann die Bruthöhle, der Ankömmling setzt das Brutgeschäft fort. Nach der Dauer der Brutzeit zwischen 19 und 21 Tagen schlüpfen die Küken meist am selben Tag, und nachdem die nackten, blinden Jungen geschlüpft sind, bleiben die Eierschalen entweder am Eingang des Brutkessels, bzw. in der Höhle liegen oder werden aus der Höhle entfernt und über die Steilwand in das Wasser beseitigt. 

Eier des Eisvogels c) Wikipedia Didier Descouens
Eier des Eisvogels c) Wikipedia Didier Descouens

Leider gehen von allen begonnenen Bruten 30 bis 40 Prozent verloren, teils durch Hochwässer: Die starken Regenfälle überfluten die dabei Höhlen, die gelegentlich auch dadurch zum Einsturz gebracht werden. Zudem sind nach solchen Naturereignissen die Gewässer durch aufgewühlte Lehm-Teilchen stark getrübt, wodurch die Nahrungssuche der Altvögel erschwert wird, die Brut kann dadurch verhungern, nur ältere Jungvögel können solche Katastrophen überleben. Tragisch erweisen sich ungünstig angelegte Nisthöhlen, die von oben oder vorne von Wieseln, Waschbären, Füchse, Ratten, Mäusen und sogar von Maulwürfen ausgeraubt werden können. Infolge längerer Störungen durch Menschen kommt es ebenfalls zu einem Verhungern der Jungvögel, weil sich die Elternvögel mehrere Tage nicht mehr in ihre Bruthöhle wagen!! Allerdings werden nach einem vollkommenen Verlust der Brut nach wenigen Tagen nochmals 6 bis 7 Eier gelegt und das Brutgeschäft neu begonnen. 

Weibl. Eisvogel - Pixabay
Weibl. Eisvogel - Pixabay

Die kleinen Küken werden immer von einem Altvogel gehudert, während der andere zunächst Insekten, später kleine, 4-5 cm lange Fische fängt. Hat ein Küken gefressen – rutschen die Jungen (rotieren) um einen Platz weiter, so dass mit diesem System sichergestellt ist, dass alle Nestlinge gefüttert werden und ausreichend Futter bekommen. Die ersten bläulichen Federkiele zeigen sich an Flügeln, Brust und Rücken nach acht Tagen, und etwa am 10. Tag öffnen sich die Augen. In dieser Zeit hudern die Altvögel nur noch nachts. Schon vierzehn Tage nach dem Schlüpfen sind die Jungen bereits befiedert, eine durchscheinende Hülle umgibt jedoch noch die Federn, die bereits nach drei Wochen – bis auf kleine Kopfbereiche – von den Hüllen befreit sind. Nach 23 bis 28 Tagen haben die jungen Eisvögel ein Gewicht von etwa 42 g erreicht und fliegen Ende Mai bis Anfang Juni – oft alle aus eigenem Antrieb – am frühen Morgen oder am Vormittag – vorwiegend im gleichen Zeitraum, innerhalb von wenigen Minuten bis zu einigen Stunden aus der Bruthöhle aus. Reglos halten sie sich danach in der Umgebung, in der Regel in nicht einsehbarem, schattigem Geäst auf. Dort versorgt sie das Elternpaar, vornehmlich der männliche Part, mit Fischen und führt sie dabei immer weiter von der Bruthöhle weg mit anfänglichen Darreichungen der Nahrung, zu späterer Zeit fliegen die Jungen den Altvögeln entgegen. Dabei erlernen sie schnell selbst das Fischen, die Altvögel nämlich vertreiben sie nach ein bis zwei Tagen mit energischen Rufen aus dem Revier. Nun sind die Jungen auf sich selbst angewiesen, für sie gilt nun, sich zu schützen vor Sperber und Habicht, manches Mal auch vor dem Waldkauz. Sie streifen von etwa Juli bis Oktober umher und suchen für sich nach geeigneten Gebieten, dabei können die Wanderungen bis zu 1000 km betragen, die Weibchen reisen in der Regel weiter als die männlichen Vögel. Auch die Jungvögel der Zweit- und Dritt-Bruten ziehen dabei weiter als die der Erstbrut. 

 

Eisvogel auf Sitzwarte - Pixabay
Eisvogel auf Sitzwarte - Pixabay

Altvögel, die auch außerhalb der Brutzeiten in ihren Revieren bleiben, schicken sich nun nach einer verkürzten Balz zu einer zweiten Brut an, die im Großen und Ganzen nicht anders abläuft als die erste Brut, diese Jungvögel fliegen, je nach Beginn des Brutgeschäftes, Mitte Juli bis Ende August aus. Einige Brutpaare beginnen, u. U. auch verschachtelt noch eine dritte Brut, mit Flügge-Werden der Jungvögel von Ende August bis Ende September. Bei den äußerst seltenen Viert-Bruten fliegen die Jungen im Oktober aus. Ab November werden die Ortsbewegungen eingestellt, die Eisvögel stellen sich auf den Winter ein und nehmen von etwa 40 Gramm Gewicht im Spätsommer auf 44 bis 46 Gramm zu. 

Eisvogel-Paar Pixabay
Eisvogel-Paar Pixabay

Der hohen Sterblichkeitsrate der Eisvögel (bis zu 80 % der Jungvögel sterben zwischen dem Verlassen der Bruthöhle und der nächsten Brutsaison, 70% der Altvögel sterben innerhalb eines Jahres, wenige werden drei Jahre alt, ein fünf Jahre alter Eisvogel hat Seltenheitswert) steht glücklicherweise eine jährliche hohe Reproduktions-Rate gegenüber, so dass der in Deutschland streng geschützte Eisvogel zwar als dezimiert gilt, aber der Bestand hat sich nach seinem mäßigen Schwinden 1970-1990 (Verfolgung durch Binnenfischer, Herstellung von Federschmuck für Damenhüte und künstlichen Fliegen für Angler – dafür wurden Tausende von Vögeln getötet), hat sich die Population der territorialen Einzelgänger noch nicht erholt. Die vergangenen Sünden gegen die Natur (Austrocknung von Feuchtgebieten, Zuschütten von Tümpeln, Begradigung von Flüssen und Bächen) hat sich auch gegen die Eisvögel gewandt. Vereinzelte Renaturierungen haben ihm wenig genützt, aber vom Menschen geschaffene künstliche Steilhänge mit teilweise auch künstlichen Brutplätzen wurden dankbar angenommen. Die vornehmste Aufgabe des Menschen muss darin bestehen, naturnahe, von künstlichen Eingriffen unabhängige Fluss-, Weiher- und Bach-Landschaften zu erhalten, das wichtigste Kriterium zum Schutz des Eisvogels.

Ausdauernd - Eisvogel - männl.  auf Beobachtungsposten
Ausdauernd - Eisvogel - männl. auf Beobachtungsposten

Nach der griechischen Mythologie sprangen die Töchter des Riesen Alcyones, nach dem verlorenen Kampf des Vaters gegen die Götter in das Meer, doch die Meeresgöttin rettete beide, indem sie die Töchter des Riesen, bevor sie die Wasserfläche erreichten, in wunderschöne Eisvögel verwandelte, die nur die Flügel auszubreiten brauchten, um den Sturz abzufangen. Die beiden Mädchen flogen davon und wurden nie wieder gesehen. Die Erinnerung an dieses Geschehen in der griechischen Mythologie schlägt sich nur noch in dem Gattungsnamen nieder „Alcedo atthis“.

 

 

Als Krafttier erscheint der Eisvogel genau dann, wenn es einer blitzschnellen Handlung bedarf. Der Eisvogel ist geduldig, stundenlanges Zuwarten auf eine mögliche Beute ist seine beste Eigenschaft, aber dann, wenn er sie erblickt, stößt er unerwartet sie ein blau-türkis schillernder Pfeil durch den Wasserspiegel. Er weist auf das kurze Eintauchen in die eigenen Tiefen hin, das Erfassen des Wesentlichen und das Wiederauftauchen in die eigene reale Welt und die Verarbeitung/Einverleibung der Erfahrungen - schillernde Schönheit fasziniert, aber der äußere Schein kann trügen. 

Eisvogel vor seiner Bruthöhle c) Wikipedia - Jac Janssen from Baarlo.NL
Eisvogel vor seiner Bruthöhle c) Wikipedia - Jac Janssen from Baarlo.NL