Alle Vögel sind schon da, oder?

1. Die Mehlschwalbe

Mehlschwalben c) Elke Gelzleichter
Mehlschwalben c) Elke Gelzleichter

Die Mehlschwalbe (Delichon urbicum)

Ordnung: Sperlingsvögel, Unterordnung: Singvogel

 

Er wurde 1974 zum Vogel des Jahres erkoren, jener Vogel, der uns die warme Jahreszeit angekündigt, Frühling und Sommer; denn schon spätestens im September, anfangs Oktober, zieht es ihn wieder nach dem Süden. Es ist die Mehlschwalbe, die uns mit ihren kühnen Flügen zum Futtererwerb begeistert. Sie zeigt uns dabei sogar an, wie es an der Wetterfront aussieht; denn niedrige Flüge sogar kurz über dem Boden weisen auf einen fallenden Luftdruck hin: Ihre Nahrung – Insekten - bewegen sich vorwiegend in wärmerer Luft und sinken deshalb bei fallenden Luftdruck – insofern die Winde kühler sind – nach unten. Hoch im Himmelsblau jagende Schwalben verkünden im allgemeinen einen sonnigen, warmen Tag, frei nach der alten Bauernregel:

 

"Siehst du die Schwalben niedrig fliegen, wirst du Regenwetter kriegen. Fliegen die Schwalben in den Höh'n, kommt ein Wetter, das ist schön."

 

 

Gerade das Jahr 1974 erwies sich als Schicksalsjahr für die Schwalben, die von einem frühen Wintereinbruch überrascht wurden und – in großen Kartons untergebracht – mit Bussen in wärmere Gefilde verbracht werden mussten, trotzdem verloren viele der anmutigen "Flieger" ihr Leben,  

Post breeding flock c) Wikipedia L. Kenzel
Post breeding flock c) Wikipedia L. Kenzel

Aus der Familie der Schwalben (Hirundinidae) stammt sie, die beliebte Mehlschwalbe, ein Zugvogel, dessen Verbreitungsgebiet sich über Europa und das außertropische Asien erstreckt, mit Brutgebieten vorwiegend in Mitteleuropa . Sie ist die vierte Art in der Schwalbenfamilie, neben Ufer- (kleinste Schwalbenart), Rauch- und Felsenschwalbe, lässt sich aber insbesondere gut durch den weißen Bürzel identifizieren, den keine andere europäische Schwalbenart auszeichnet.

Mit ihrer Körperlänge von 13 cm, dem Gewicht zwischen 16 und 25 Gramm ist sie kleiner als ein Sperling und zählt innerhalb der Schwalbenarten zu den mittelgroßen Vögeln. Sie zeigen als erwachsene Vögel Kopf, Rücken, die Oberseite der Flügel und den Schwanz in einem glänzenden Blauschwarz, kontrastreich strahlt die Körperunterseite und der Bürzel in einem Reinweiß bis Mehlweiß, selbst die kurzen Beinchen und die Füße sind weiß befiedert, hell fleischfarben zeigen sich die Zehen und die unbefiederten Stellen der Beine, der Schwanz ist weniger stark gegabelt als bei der Rauchschwalbe; denn es fehlen bei der Mehlschwalbe die stark verlängerten äußeren Schwanzfedern. Es gibt keinen Geschlechtsdismorphismus, d.h. männliche und weibliche Tiere sehen gleich aus.

Es ist bekannt, dass es unter den Mehlschwalben gelegentlich auch zu Farbvarianten kommt, fast weiße Vögel, sog. Weißlinge, manchmal ist auch das weiße Gefieder nur ausgedehnter als bei der normalen Gefiederfärbung oder andere Varianten mit größeren Weißanteilen.

Die Jungvögel unterscheiden sich von den Erwachsenen durch eine bräunliche bis bräunlich-schwarze Körperoberseite, auch die Flügel sind bräunlich gefärbt und auch noch glanzlos. Die Kehle sowie die Flanken tragen graue Federn, am auffälligsten ist der graue Bürzel, der gesprenkelt zu sein scheint, hervorgerufen durch die weißen Spitzen der dunklen Federn. Frisch geschlüpfte Mehlschwalben zeigen ein gräulich-weißes Dunenkleid, während ältere Nestlinge durch ihre Pelzdunen weiß-wolligen Wollknäueln gleichen.

Längere Gleitphasen, kurzes Flattern, der typische Flug der Mehlschwalbe. bei ihrem charakteristischen Jagdflug steigt sie häufig abrupt hoch mit schwirrenden Flügelschlägen und einer Flügelschlagfrequenz von durchschnittlich 5,3 Schlägen pro Sekunde (schneller als die Rauchschwalbe mit 4,4 Schlägen/sek.). So jagt die Mehlschwalbe auch grundsätzlich in höheren Luftschichten als die Rauchschwalbe, ihre Jagdflughöhe beträgt im Durchschnitt 21 m über dem Boden (von gelegentlichem Verfolgen augescheuchter Insekten bei Weidevieh und pflügenden Traktoren abgesehen), in ihren Überwinterungsgebieten beträgt die Jagdflughöhe sogar bis 50 m über dem Boden. Mehlschwalben erreichen große Fluggeschwindigkeiten: Bei ihren Zügen eine Reisegeschwindigkeit von 43 std/km, bei Flügen zwischen Brutplatz und Jagdrevier 38 km pro Stunde und bei Verfolgungen durch Greifvögel 74 std/km.

 

Mehlschwalben brüteten ursprünglich an senkrechten Felswänden, Brutkolonien an solchen natürlichen Plätzen gibt es auch heute noch, z.B. in Tibet (Brut in 4600 m Höhe), in Österreich am Großglockner (2450 m Höhe), in der Schweiz am Furkapass (2431 m hoch) und in Spanien gibt es Brutkolonien in einer Höhe von 2600 m. Doch im europäischen Verbreitungsgebiet hat sie sich zum ausgeprägten Kulturfolger entwickelt, der auf offene Landschaften mit niedriger Vegetation angewiesen ist, was ihnen die Jagd auf Luftplankton auch dann ermöglicht, wenn es bei regnerischem oder stürmischem Wetter niedrig fliegt. Selbst in ihren Überwinterungsgebieten bevorzugen sie offene Landschaften. Ebenso ist die Nähe von Gewässern erforderlich um das nötige Nistmaterial zu finden. Dass Mehlschwalben manche Städte meiden, ist offenbar auf die Luftverschmutzung zurückzuführen. Ein Beispiel: Zur Überraschung der Londoner Bevölkerung kehrten die Mehlschwalben sogar in die Innenstadt zurück als der Clean Air Act of 1956 (Gesetz gegen Luftverschmutzung) in Kraft getreten war.

Fliegende Mehlschwalbe c) Wikipedia Marlene Thyssen
Fliegende Mehlschwalbe c) Wikipedia Marlene Thyssen

Treu ihrem Geburtsort begeben sich die Mehlschwalben, als echte Langstreckenzieher, von Ende August bis Anfang Oktober auf die Reise in ihre Überwinterungsdomizile und überqueren in breiter Front den Mittelmeerraum und die Sahara und setzen sich tödlichen Gefahren aus (z.B. Abschüsse oder illegale Fangnetze in den Überwinterungsgebieten, z.B. Ägypten). Die Rückkehr zu den Brutgebieten geschieht meistens zwischen April und Mai

Forschungen vor einigen Jahren ergaben, dass aus 60 verschiedenen oberschwäbischen Ortschaften von 4700 ausgeflogenen Nestlingen im Folgejahr rund 450 an ihren Geburtsort zurückkehrten, die hohe Differenz zwischen den ausgeflogenen und zurückgekehrten Schwalben ist, wie bereits zuvor erwähnt, auf hohe Verluste während des Zuges zurückzuführen.

Nach Forschungsergebnissen sollen sich männliche Schwalben etwa 1,5 km von ihrem Geburtsort ansiedeln und weibliche Tiere etwa in 3,2 km Entfernung, dabei kommt auch die Wiederansiedlung am Geburtshaus oder sogar im Geburtsnest vor, dabei zeigten sich wiederum die männlichen Vögel ortstreuer als die weiblichen.

Als sog. „insektivorer“ Vogel jagt auch die Mehlschwalbe in der Luft nach Insekten (Entfernung vom Niststandort durchschnittl. 450 m, bis zu 2 km sind möglich), die Zusammensetzung der Nahrung wird dabei vom Angebot bestimmt, z.B: Fliegen, Mücken, Blattläuse und Wasserinsekten, weiterhin Webspinnen, Schmetterlinge, Schnabelkerfe und Käfer, die beim Vorüberflug von unten erjagt werden. Die Mehlschwalbe schießt mit schnellem Flügelschlag nach oben, packt das Insekt mit dem Schnabel und gleitet dann sofort wieder auf die frühere Flughöhe zurück. Die Insekten werden sofort geschluckt, wenn keine Brut zu versorgen ist. Aber für die Versorgung ihrer Nestlinge wird die Jagdbeute im Kehlsack gesammelt, doch langflügelige Insekten wie Eintagsfliegen oder größere Schmetterlinge werden im Schnabel zum Nest gebracht.

Mehlschwalben sind „Koloniebrüter“, das heißt, ihre Nester bauen sie so dicht aneinander, dass sie sich an der Basis berühren. Normalerweise besteht eine Kolonie aus vier bis fünf Nestern, aber es wurde gelegentlich auch von Kolonien berichtet, die bis 1000 Nester umfassten. Senkrechte (Fels-)Wände mit natürlichen oder künstlichen Überhängen, unter Felsvorsprüngen, Toreinfahrten, Dachrändern oder Dachtraufen. Nestbauten außerhalb menschlicher Siedlungen ist selten, Voraussetzung für den Nestbau ist, dass der als Baumaterial verwandte Lehm unmittelbar an dem Untergrund haftet, dazu muss er frei von Flechten und Moosen sein. Im Gegensatz zu den Rauchschwalben errichten Mehlschwalben höchst selten ihre Nester innerhalb von Gebäuden. Abhängig von Witterung und Höhenlage wird der Nestbau begonnen, an dem sich beide Elternteile einsetzen: Aus feuchten Lehm- oder Erdklümpchen wird aufgemauert, der Nestwall stets von der Innenseite her weiter gebaut zu einer geschlossenen halbkugeligen Form mit dem Einflugloch an der Oberseite, das Baumaterial liefern Pfützen, Gewässerufer u.ä. Plätze. Innen wird das Nest mit Halmen, Federn und anderen weichen Materialien ausgepolstert. Nach 14 Tagen ist der Nestbau abgeschlossen. Oft versuchen Sperlinge das neue Nest zu erobern, wenn es ihnen trotz der kleinen Einfluglöcher gelingt, beginnen die Schwalben mit dem Bau eines neuen Nestes.

Aus drei bis fünf reinweißen Eiern besteht ein Gelege, die in der Regel jeweils im Abstand von jeweils einem Tag gelegt werden, und von beiden Eltern bebrütet werden, der Anteil des weiblichen

Vogels am Brutgeschäft um einiges höher ist. Schon nach der Ablage des ersten Eis bleibt ein Altvogel auf dem Nest sitzen, allerdings mit Unterbrechungen. Erst mit der Ablage des letzten Eis beginnt ein festes und intensives Brüten, nach 14 bis 16 Tagen schlüpfen die jungen Schwalben und sind bereits nach nach 22 bis 32 Tagen flügge. Bis zu einer Woche füttern die Eltern noch die ausgeflogenen Jungen. In der Regel folgt der ersten Brut noch eine zweite, in südlichen Gebieten manches Mal sogar noch eine Dritte. Allerdings sind späte Nestlinge der Gefahr ausgesetzt, dass die Eltern nicht mehr genug Futter für sie finden -

Zunächst betteln die frisch geschlüpften Mehlschwalben mit ausgestrecktem Hals und senkrecht nach oben gerichtetem Schnabel, erst nach einer Woche wenden sie sich den Eltern zu, die zur Übergabe des Futters tief den Schnabel in den Hals des Jungvogels stecken und die Nahrung in den Schlund stecken. Klappt die Übergabe der Nahrung nicht, wird sie von dem Jungvogel nicht beachtet. Bei Zweitgelegen beteiligen sich die Jungen der ersten Brut an der Fütterung der zweiten.

 

Leider erreichen von 10 ausgewachsenen Mehlschwalben nur drei bis sechs das nächste Lebensjahr, obwohl Einzelfälle belegt sind, in denen ein Alter von 10 bis 14 Jahren erreicht wurde, erleben die meisten das vierte Lebensjahr nicht, das Durchschnittsalter einer Population beträgt zwei Jahre; denn zahlreiche Innen- und Außen-Parasiten können den Schwalben zu schaffen machen:

 

Innenparasiten: Fadenwürmer, Bandwürmer und Saugwürmer

Außenparasiten: Federlinge, Lausfliegen, Flöhe sowie Milben und Schmeißfliegen.

Von diesen Ektoparasiten kann auch die Vogelmalaria übertragen werden, die Apathie und Blutarmut erzeugt.

 

Selten können adulte (erwachsene) Mehlschwalben von Greifvögeln geschlagen werden, Angriffen sind sie nur ausgesetzt, wenn sie am Boden Lehm zum Nestbau aufnehmen. Habichte, Sperber, Schwarz- und Rotmilane schlagen nur gelegentlich Mehlschwalben, Baumfalken erbeuten sie am ehesten. Normalerweise sind Mehlschwalben aber so wendig, dass sie den Jägern entkommen. Bei nachts in ihren Nestern ruhenden Schwalben sind die Schleiereulen fähig, sie aus ihren Nestern zu ziehen, der Beuteanteil beträgt 4 bis 8 %. Auch Waldkäuze erbeuten manches Mal Mehlschwalben während der Nacht. Mitunter zerstören Schwarzspechte die Nester, um Eier und Nestlinge zu rauben, auch Elstern spezialisieren sich gelegentlich auf diese Form des leichten Beuteerwerbs, Katzen spielen nur selten eine Rolle, aber verschiedene Marderarten und Ratten zerstören ganze Kolonien, wenn sie ihrer habhaft werden können...

Auch widrige Wetterbedingungen, besonders kalte und nasse Sommer, können zu einer hohen Jungensterblichkeit führen und die erwachsenen Schwalben leiden ebenfalls erheblich auf ihren Zügen durch Schlechtwettergebiete.

Als attraktiver Vogel, der sich von Insekten ernährt, wird die Mehlschwalbe als nützlich erachtet und geduldet (mit sog. Schwalbenbrettern unter den Nestern, um eine Verschmutzung der Wände durch Schwalbenkot zu verhindern), aber in den vergangenen Jahrzehnten hat der Einsatz von Pestiziden und eine veränderte Landwirtschaft, moderne glatte Hausfassaden, an denen kein Nistmaterial mehr befestigt werden kann zu einem starken Rückgang der Mehlschwalbenpopulationen geführt und sie stehen ebenso wie Mauersegler, Rauchschwalben und Haussperlinge auf der Vorwarnliste für bedrohte Vogelarten, die seit 2002 durch Gesetz (Gesetz über Naturschutz und Landschaftspflege [BNatSchG] § 44, Abs. 1, Nr. 3). besonders geschützt werden, die Zerstörung ihrer Nester gilt als Straftat.

 

 

Mehlschwalbe sammelt Klümpchen c) Wikipedia Andrew Butko
Mehlschwalbe sammelt Klümpchen c) Wikipedia Andrew Butko
Zwei junge Mehlschwalben im Nest c) Wikipedia Claus Ableiter
Zwei junge Mehlschwalben im Nest c) Wikipedia Claus Ableiter
Gelege c) Wikipedia Didier Descouens
Gelege c) Wikipedia Didier Descouens
Mehlschwalbe im Flug c) Wikipedia
Mehlschwalbe im Flug c) Wikipedia
Künstliches Schwalbennest c) Wikipedia
Künstliches Schwalbennest c) Wikipedia


Es ist ein Leichtes, den bedrohten Mehlschwalben Hilfe zu geben. Die im Handel erhältlichen Kunstnester werden von Mehlschwalben gerne angenommen, insofern noch andere Mehlschwalben in der Nähe leben, das Anlegen von Lehmpfützen unterstützt dieses Angebot. Auch Schwalbenhäuser haben sich als sinnvoller Ersatz für Vogelkolonien erwiesen. Auf diese Weise gelingt es vielleicht, eine weitere Verminderung der Populationen und letztlich das Aussterben dieser liebenswerten Vogelart zu verhindern. 

Mehlschwalben nach der Jagd c) E. Gelzleichter
Mehlschwalben nach der Jagd c) E. Gelzleichter