Junge weibliche Amsel c) E. Gelzleichter
Junge weibliche Amsel c) E. Gelzleichter

Alle Amseln heißen Merle

Turdus merula

Sie hatte sich klug ihren Brutplatz ausgewählt (entgegen der sonstigen Gepflogenheiten der Amseln in niedrigem Gezweig oder sogar am Boden), die Amseldame: Obwohl es die oberste Stufe einer zusammengeklappten Metall-Leiter war, befand sie sich doch an einem geschützten Ort, den keine Fressfeinde erreichen konnten:Weder Katzen, Eichhörnchen, noch Greifvögeln, Elstern oder Krähen würde es gelingen, sich durch die schmale Öffnung in die Remise Eintritt zu verschaffen und die Brut zu gefährden.  

Er würde das Gelege mit seinem Körper schützen, wenn sie zur Nahrungsaufnahme unterwegs sein würde und, wenn es erforderlich wäre, auch sie mit Futter bedenken. Er würde Wache halten auf der großen Thuja und bei Gefahr mit einem scharfen Pfiff waren. Sie war sehr zufrieden mit ihrer Wahl und wusste, dass seit Generationen, hier auf diesem Grundstück – neben Rotkehlchen, Buchfinken, vielen Meisenarten und Sperlingen – ihre Art aus der Familie der Schwarzdrosseln (Großfamilie der Drosseln = Turdae) lebte (und auch altersbedingt starb), es gab Wasser und Futter des Sommers und des Winters, sogar Äpfel, Beeren und Pflaumen in der näheren Umgebung, auch reichlich Würmer und Käfer - von der Menschenhand ging keine Gefahr aus. Nein, in den Wald würde sie nie ziehen wollen, sie war lieber in der Nähe der Menschen, so war sie sich ihres Lebens auch in den harten Unbilden des Winters sicher. Wasser gab es auch im Sommer genug, dafür sorgten Mensch und Natur und manches Wasser- oder ausgediente Blumengefäß, sogar ein altes Dach boten Gelegenheit zu den beliebten ausgedehnten Bädern...

Aber nun war es Frühling, die Zeit drängte. Kurz entschlossen begann sie mit dem Nestbau, groß genug, für die Aufnahme der Eier und für ihren eigenen Körper, der etwa 24 cm betrug, mit einem Gewicht von etwas über 100 g. Sorgfältig baute sie Schicht für Schicht aus kleinen Zweigen und Grashalmen, mit Lehmklumpen und Moos, so dass es fest gefügt war und nicht von der Leiter fallen konnte.   

Amselnest (nach dem Flüggewerden der Brut und ihrem "Auszug" -  c) E. Gelzleichter
Amselnest (nach dem Flüggewerden der Brut und ihrem "Auszug" - c) E. Gelzleichter

So geschah es. Sie hatte den Bau des Nestes mit großer Sorgfalt beendet und begann mit der Eiablage, eine Woche brauchte sie dazu und vier (manches Mal befinden sich 5 im Nest) leicht grünliche, gesprenkelte Eier und begann nach der Ablage des letzten Eis mit dem Brüten. Sie beglückwünschte sich zur Wahl des Partners, der sie sogar während des Brütens mit Nahrung versorgte, so dass sie selten das Nest verlassen musste und wohlbehütet in der Remise ihr wichtiges Tun versah.    

Vier muntere kleine Amselkinder waren den Eiern entschlüpft: Drei Buben und ein Mädchen. Es hatte sich als letztes Küken aus seinem Ei befreit, ließ sich noch lange von den beiden Eltern hudern, bis es sich schlussendlich flügge auf die Bank im angrenzenden Gartenhäuschen wagte. Rasch lernte es, wie schön doch die Fähigkeit ist, die Kunst des Fliegens zu beherrschen, aber noch lange bettelte es die Eltern um Futter an, sogar die Brüder, die sich längst schon selbst versorgten und sogar noch einen Star, der es unwirsch und schimpfend wegschickte.  

Brütende Amsel auf einer Leiter in einer Remise mit 4 Nestlingen c) E. Gelzleichter
Brütende Amsel auf einer Leiter in einer Remise mit 4 Nestlingen c) E. Gelzleichter

Aber im Laufe des Frühlings hatte es endlich begonnen, sich selbst mit Futter zu versorgen, ist oft auch noch in dem angestammten Garten der „Kindheit“ zu finden; ein verwilderter Garten ganz in der Nähe bietet nicht nur den Amseln, sondern vielen anderen Vogelarten Sicherheit und Schutz. Ist auch die Amsel resp. die Schwarzdrossel der bekannteste europäische Vogel, so ist doch oft ihr Leben durch Krankheit bedroht, wie durch den sog. Usutu-Virus, der in manchen Gegenden ganze Kolonien des beliebten Vogels, der zwischen März und Juli von einer erhöhten Warte aus mit seinem Singen den Tag begrüßt, ausgelöscht hat. Aber die Bestände scheinen sich zu erholen, die von bekannten Ornithologen, wie Professor Peter Berthold, empfohlene ganzjährige Fütterung hat ein Übriges dazu getan.  

Welch ein Glück: Der „schwarze Druide“ soll nach altem Volksglauben, dort wo er nistet, das Glück magisch anziehen, Hagelschläge und Blitzeinschläge abwehren. In der christlichen Symbolik steht er für den Einsiedler, wohl weil er früher vorwiegend verborgen im dunklen Grün der Wälder lebte.

 

Nach alten keltischen Vorstellungen gehört er zu den fünf am längsten auf der Erde lebenden Tieren. Aufgrund ihrer Vorliebe für die Früchte der Eberesche war den Kelten auch dieser Baum heilig und die Amsel gilt als Torhüterin, die den persönlichen Eingang zur Anderswelt und die heilige Eberesche bewacht. Fliegt sie in unser Leben appelliert sie an unser Selbstbewusstsein, ist ein Krafttier, das zu Lebensmut und Freude auffordert und dazu, mehr Licht in unser Leben zu bringen, für die nötige Balance zu sorgen und mit der „Schattenarbeit“ zu beginnen, Ängste sollen los gelassen werden. Ist sie doch das Symbol für ein langes Leben und für die Vermittlung zwischen den Welten.  

Eberesche c) Wikipedia
Eberesche c) Wikipedia
Die Lieder werden immer von einer "hohen Warte" vorgetragen
Männl. Amsel singt ihr Lied in einer Birke c) E. Gelzleichter

Der botanische Name der Amsel „Turdus merula“ ist wohl der ursächliche Grund dafür, dass die Amseln auch „Merle“ heißen.